Noch mal Netflix schauen vor dem Tod

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Dass die Menschen Leben spüren - auch wenn der Tod nah ist. Das ist erklärtes Ziel von Pflegedienstleiterin Daniela Kley (r.) und ihren Mitarbeiterinnen im Gmünder Klosterhospiz.
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Personalmangel ist kein Thema, 30 Ehrenamtliche helfen mit, mehr als 50 Menschen sind dort bisher gestorben – wie die ersten Monate des Gmünder Klosterhospiz angelaufen sind.

Schwäbisch Gmünd

Es ist nicht einfach, Menschen beim Sterben zu begleiten. „Wir haben eine Kollegin verloren, die gesagt hat, das ist mir zu viel“, erzählt Manfred Welzel, der Geschäftsführer des Kloster-Hospiz in Gmünd. Seit die Pflegekräfte und Ehrenamtlichen am 1. September ihre Arbeit aufgenommen haben, sind dort über 50 Menschen gestorben. Die acht Betten sind zu mehr 80 Prozent ausgelastet, erzählt der Geschäftsführer. 

Manfred Welzel weiß von Hospizen, in denen es lange Wartelisten gibt. In Gmünd ist die Situation etwas anders, das liegt aus Welzels Sicht „an der spezialambulanten Palliativversorgung in Mutlangen“, die es vielen todkranken Patienten ermöglicht, lange zuhause zu bleiben. „Das ist ein großes Kompliment an den Ostalbkreis. Die machen dort eine hervorragende Versorgung“, sagt Welzel.  „Erst wenn die häusliche Versorgung gar nicht mehr zu gewährleisten ist, melden sich die Menschen dann hier im Hospiz an. Vor allem deshalb haben wir ein gutes Drittel Kurzlieger.“

Die durchschnittliche Verweildauer liege bei 21 Tagen. „Es gibt auch Leute, die nur wenige Tage da sind, manchmal auch unter einem Tag.“ Rund ein Drittel der Sterbenden kommt aus Gmünd, ein Drittel aus dem Altkreis, der Rest aus Nachbarkreisen, erzählt der Geschäftsführer. Er sagt auch: „Die Auslastung ist für mich der letzte Parameter.“  Im Mittelpunkt stehe der einzelne Mensch. Erklärtes Ziel ist es, den Menschen eine möglichst hohe Lebensqualität in den letzten Tagen vor dem Tod zu geben. Wünsche erfüllen gehört dazu. Neu ist, dass sich die Bewohner einmal in der Woche ein Essen ihrer Wahl bestellen dürfen. „Einer hat sich Cordon Bleu gewünscht, der andere ein Pilzragout.“ Dann wird ein FSJler zum Einkaufen losgeschickt. „Es geht nicht ums satt werden, sondern es soll eine Freude sein“, sagt Manfred Welzel. Auch Humor gehört dazu. „O Gott, bekomme ich jetzt meine Henkersmahlzeit?“, habe einer der Betreuten gesagt. 

Vor einigen Wochen hat sich Welzel extra an Techniker gewendet, erzählt er. Dabei habe man „alle Fernsehsender aus Europa.“ Aber da war dieser 32-Jährige, der im Hospiz gestorben ist. „Und er wollte gern Netflix schauen; dank der Firma Mixtown haben wir das hinbekommen. Das sind so schöne Erlebnisse, und wenn es nur ein Gast im Monat nutzt.“

25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat das Hospiz, alle Stellen konnten auch besetzt werden. Der Pflegenotstand hat sich nicht negativ auf das Hospiz ausgewirkt – eher im Gegenteil: „Wir punkten gar nicht mit Gehalt, aber mit einer anderen Arbeitsatmosphäre.“ Das Hospiz liege „im Premiumbereich“, so Welzel. Denn dort ist relativ zur Bewohnerzahl viel mehr Personal vorgesehen als etwa in Altersheimen. „Die Heimaufsicht hat uns erzählt: Nachts im Altersheim ist eine Vollzeitkraft für 45 Fälle zuständig – bei uns für acht.“ Dafür müssen Beschäftigte verkraften können, viel häufiger mit dem Tod konfrontiert zu sein. 

Als Helfende kommen noch rund 30 Ehrenamtliche hinzu – im Alter von 40 bis 78 Jahre und viel mehr Frauen als Männer. Einen bis zwei Kurse für Neueinsteiger pro Jahr plant der Geschäftsführer. „Die Menschlichkeit steht und fällt mit den Pflegenden und Ehrenamtlichen, das ist das Entscheidende“, sagt Welzel. „Wenn beides zusammenkommt, entsteht ein guter Geist und eine gute Atmosphäre.“ Er spüre sogar eine „Leichtigkeit“, sagt Welzel. Auch wenn es ein Platz ist, wo gestorben wird, spüre ich Leben.“

Wir haben eine Kollegin verloren, die gesagt hat, das ist mir zu viel.“

Manfred Welzel, Geschäftsführer Kloster-Hospiz

53 Euro als Patenschaft für eine Nacht

Genauso wie das Sterben gehört das Defizit bei den Finanzen zu den Grundgegebenheiten eines Hospizes, so sieht das Geschäftsführer Welzel. Der jährliche Zuschussbedarf von 200 000 Euro bis 250 000 Euro soll durch Spenden gedeckt werden. „Damit kommt man nur zurecht, wenn das Anliegen in der Zivilgesellschaft etabliert ist.“ Auch kleine Summen sind willkommen. Welzel: „Zu Ostern haben wir eine Dauerspenderaktion gestartet.“ Für 53 Euro etwa kann man für eine Nacht im Hospiz die Patenschaft übernehmen. 

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