Normannia-Saison mit zwei Seiten

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Am Ende der Saison 2001/2002 konnte sich Meistercoach Ralf Sporys lachend von seinen Spielern verabschieden.
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Aus dem GT-Fotoalbum: 2001/2002 stand der Gmünder Traditionsverein finanziell am Abgrund - und wurde souverän Meister.

Schwäbisch Gmünd

Der FC Normannia Gmünd existiert weiter. Wenn ein Zeitungsbericht mit einem solchen Satz beginnt, ist das wohl keine Selbstverständlichkeit. Das war es Ende 2001 auch nicht: 251 000 Mark Schulden drückten den Traditionsverein.

Über so viele Besucher, wie damals an einem Dienstagabend zur Normannia gekommen waren, würde sich der Verein heute sicher bei jedem Heimspiel freuen. Der Hans-Baldung-Grien-Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, als der Vorstand die Mitglieder dazu eingeladen hatte, „die Wahrheit über den finanziellen Zustand des FC Normannia“ zu erfahren.

Hans-Peter Fritz von der Normannia Marketing Gesellschaft (NMG) übernahm diese Aufgabe. Bevor er aber die Vereinszahlen nannte, nannte er erstmal die aus seiner Sicht Verantwortlichen für die finanzielle Misere: Die Stadt zum Beispiel fördere die 7500 Kindern in den Gmünder Vereinen mit 170 000 Mark. „Und was kosten dagegen die Streetworker, die sich um lächerliche 50 Rauschgiftsüchtige kümmern?“ Auch in der Finanzwelt machte er Schuldige aus: Zwei Gmünder Banken seien nicht bereit gewesen, 100 000 Mark für den Verein zur Verfügung zu stellen. Es könne nur eine Konsequenz geben: Er werde sich nach einer Hausbank außerhalb Gmünds umsehen.

So sah die Rechnung aus

Dann nannte Hans-Peter Fritz auch die Retter des Vereins: die Spieler der ersten Fußball-Mannschaft. Kapitän Mike Gegner hatte erklärt, dass die Kicker, wenn auch schweren Herzens, auf ihre gesamten ausstehenden Gehälter verzichten. Das brachte dem Verein 80 000 Mark ein. Außerdem stand der Jahreswechsel bevor. Und gleich danach konnte der Normannia-Kassier mit 67 000 Mark aus Beiträgen und 13 000 Mark an städtischen Zuschüssen für die Jugendarbeit rechnen. Außerdem stand im Januar das Hallenturnier an, aus dem Hans-Peter Fritz ein Plus von 15 000 Mark erwartete. Unterm Strich blieben so noch 76 000 Mark offen - und denen stünden rund 99 000 Mark von den Sponsoren gegenüber, die ebenfalls nach dem Jahreswechsel zu erwarten seien.

Präsident Hans-Joachim Rietz hatte - wie er an diesem Abend bekanntgab, auf Druck von außen - angesichts der Turbulenzen des Vereins seinen Rücktritt erklärt. Auf Drängen der Mitglieder erklärte er sich jedoch bereit, zur Wahl wieder anzutreten.

Wie schwierig die Situation auch innerhalb des Vereins war, zeigte sich schon am Tag darauf. Der kommissarische Vorsitzende Uwe Brenner meinte, Fritz' Rundum-Vorwürfe seien ihm etwas zu weit gegangen. Zudem seien die Fördergelder für die Jugendarbeit zweckgebunden und dürften nicht zum Schuldenabbau verwendet werden. Brenner hoffte auf den Zusammenhalt der Mitglieder. Dementsprechend sei auch eine fürs Folgejahr geplante deutliche Beitragserhöhung ausgesetzt worden.

Nicht nur Krise

Der der Name Normannia stand in jener Saison 2001/2002 nicht nur für Krise. Schon im Januar verteidigten die Kicker ihren Titel als Gmünder Hallenmeister. Und im Mai holten die Fußballer souverän mit 14 Punkten Vorsprung den Titel in der Landesliga. Zu einer Saisonabschlussparty, bei der auch Erfolgstrainer Ralf Sporys verabschiedet wurde, kamen zahlreiche Fans in den Schwerzer. Spielführer Mike Gegner bilanzierte die Saison als „einfach sensationell“.

Gmünds Sportbürgermeister Hans Frieser fasste die beiden Seiten dieser Normannia-Saison so zusammen: „Trotz aller Turbulenzen haben sich die Spieler nicht abgesetzt, sondern zum Verein gehalten. So stelle ich mir Sport vor.“

Wir verzichten auf unsere gesamten rückständigen Gehälter.“

Mike Gegner,, Spielführer
Zahlreiche Mitglieder waren gekommen, um „die Wahrheit“ über die Vereins-Finanzen zu hören.

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