Opfer, die man Helden nannte

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Im Trauermonat November wird an die Kriegstoten erinnert – was sagen uns Heutigen noch die Denkmäler in Kirchen und auf Friedhöfen?

Schwäbisch Gmünd

Sagt dieses Denkmal die Wahrheit? „Helden“ steht da in Stein gehauen, es ist ein Kriegerdenkmal im Münster. Wie gehen wir heute damit um, mit der Heroisierung, mit solchen Monumenten?

249 Namen sind rund um die Helden-Inschrift gruppiert: alles Soldaten aus Gmünd, die im Ersten Weltkrieg gestorben sind. Wie schaut der Münsterpfarrer auf dieses Denkmal im Seitenschiff seiner Kirche? „Mit dem Begriff Helden tue ich mich schwer“, sagt Robert Kloker. Sind es nicht Opfer, wie es viele Redner beim Volkstrauertag formuliert haben?

Auch dieses Kriegerdenkmal ist ein Dokument seiner Zeit: „Ich gehe davon aus, dass es ist in der Zwischenkriegszeit entstanden ist“, sagt Dr. Niklas Konzen, der Gmünder Stadtarchivar. Und: „Denkmäler sind immer Belege vergangener Geschichtsdeutung.“. Die hieß nach den Kriegen, dass das Sterben nicht sinnlos gewesen sein durfte. „Sie haben ihr Leben hingegeben für uns“, steht etwa auf dem Friedhof in Herlikofen auf einem Denkmal für die Toten des Zweiten Weltkriegs. Für uns? Im Geschichtsunterricht lernen Kinder heute, dass der Krieg schlicht Opfer gekostet hat, zwischen 50 und 70 Millionen Menschen, darunter viele Millionen Soldaten.

Wie umgehen mit den steinernen Relikten, von denen es in Gmünd mehrere gibt? Ein Gräberfeld von Steinkreuzen etwa auf dem Leonhardsfriedhof, die einem auch erzählen,wie viele Leben damals mit 18 oder 19 Jahren vernichtet wurden.

Brauchen wir Erinnerndes weiter in Form von Helden-Denkmälern? Es gibt nicht die eine gültige Antwort, sagt der Stadtarchivar. Rein physisch gebe es schlicht drei Möglichkeiten, mit problematischen, fragwürdig gewordenen Denkmälern umzugehen: „Einfach stehen lassen, kommentieren – oder entfernen.“ Den Willen zur Tilgung, wie er in einem Teil der US-amerikanischen Gesellschaft vorherrscht, hält Oberbürgermeister Richard Arnold nicht für den Königsweg in seiner Stadt. Er sieht Denkmäler eher als Chance für Erinnerung: „Man muss sich Zeit nehmen für Diskurs“, sagt er, beispielhaft zeige sich das am Kriegerdenkmal am unteren Marktplatz. „Das war eine bewegte Entscheidung, es gab auch eine Gruppe, die sagte, das Denkmal muss entfernt werden“, erzählt Arnold. Am Ende war der Beschluss, kommentierende Tafeln danebenzustellen. Mit weit reichender Wirkung, findet Niklas Konzen: „Dort ist es gelungen, die Intention des Denkmals zu verändern, indem man es in einen Kontext gestellt hat.“

Dabei sollte man jedes Denkmal für sich beurteilen, findet Konzen. Das im Münster unterscheidet sich fundamental vom zentral postierten Kriegerdenkmal auf dem Marktplatz. „Es geht auch immer darum, wie präsent ein Denkmal in der Öffentlichkeit ist.“ Die Tafel im Münster sei Teil des Kirchenraums, der „voll ist von symbolischen Darstellungen“, dort hält er Kommentierung nicht für geboten und sinnvoll. Für Robert Kloker ist es eine Frage der Herangehensweise: „Es gehört zur Erinnerungskultur, dass man die Lehren daraus zieht. Es sollte doch eine mahnende Erinnerung sein.“

Denkmäler im Kontrast

Für Schwäbisch Gmünd und seinen OB gehört es zur Erinnerungskultur, dass es auch kontrastierende Denkmäler gibt zu den historischen Relikten des Erinnerns wie den alten Kriegerdenkmälern. Richard Arnold erinnert an die Treppe ins Nichts, das 2015 errichtete Mahnmal für die ehemalige Synagoge der jüdischen Gemeinde von Gmünd. Sehr wichtig als Gedenkort für die Zukunft sei ihm auch das Gebäude in der Imhofstraße 9, die mittelalterliche Synagoge.

Es ist kein altes, historisch gewordenes Konzept, es braucht auch heute Denkmäler, glaubt Richard Arnold. Und sie können anders sein, findet er. Angesichts der gewaltigen Aufgabe, die der Klimawandel aufgebe, sieht er auch da ein „wachsendes Bedürfnis“ nach Symbolischem: „Ist nicht ein Gmünder Klimawald, ist nicht das Pflanzen von Bäumen auch ein Denkmal?“

249 Männernamen stehen bei dieser Inschrift - jeder ein toter Gmünder, der den Krieg nicht überlebt hat. Waren es Helden, wie die Inschrift sagt - oder sinnlose Geopferte?
Kriegerdenkmal herlikofen

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