Pandemie braucht Perspektivwechsel

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Gmünds OB Richard Arnold, HGV-Vorstand Dr. Christof Morawitz, Dehoga-Chef Dagobert Hämmerer und Friseur-Obermeisterin Jutta Grames zu jüngsten Beschlüssen.

Schwäbisch Gmünd

Oberbürgermeister Richard Arnold ist verärgert. Die jüngsten Corona-Beschlüsse, die Bund und Länder am Mittwoch gefasst haben, versteht er nicht. Über Wochen habe man sich auf die Inzidenz konzentriert, die "Zahl 50 fast wie eine Monstranz vor sich hergetragen". Deshalb hätten viele Bürger Öffnungen erwartet. Doch was komme: "die 35", sagt das Stadtoberhaupt. Arnold hatte im Vorfeld der jüngsten Beschlüsse mit den OB-Kollegen Boris Palmer aus Tübingen und Matthias Klopfer aus Schorndorf einen Appell an Bund und Land gerichtet, die Innenstädte "kontrolliert zu öffnen". Mit den aktuellen Beschlüssen jedoch werde die ohnehin schon "existenzielle Not der Händler, Gastronomen, Hoteliers und Kulturschaffenden verschärft", sagt Arnold und befürchtet, dass "uns die Menschen, die dies nicht mehr verstehen, leise von der Fahne gehen". Denn die Beschlüsse minderten die Glaubwürdigkeit. Arnold fordert deshalb weiterhin eine "differenzierte Teststrategie". Tests also nicht nur bei Symptomen, sondern, wie beispielsweise in Tübingen, für alle Bürger, die sich testen lassen wollen. Eine solche Teststrategie aber, sagt Arnold, müsse vom Land kommen. Gmünd könne dies nicht leisten wie Tübingen, würde "sich dabei überheben". Als Beleg dafür, dass ein solches Vorgehen hilft, nennt der OB die Tests, die das DRK vor Weihnachten angeboten hatte. Damals seien 29 Infizierte herausgefischt worden. "Wir kommen aus der Pandemie nur raus, wenn wir einen Perspektivwechsel erlauben", sagt der OB und fügt hinzu: "Wir leben nicht in einer Welt der Virologen, sondern in einer Welt der Bürger."

Weil man nun die Geschäftsgrundlage kurzerhand angepasst habe, auf unter 35 Fälle auf 100 000 Einwohner in sieben Tagen, dürfte "der Frust bei vielen Betroffenen groß sein", sagt auch Dr. Christof Morawitz, Mitglied im Vorstand des Gmünder Handels- und Gewerbevereins HGV. So ließen sich Existenzängste nicht eindämmen. Nachvollziehen kann Morawitz dabei die Entkopplung von Friseuren und Einzelhandel. Friseure sorgten nicht umgehend für eine stärkere Bevölkerungsansammlung. Eine solche aber könne auch über andere Maßnahmen gesteuert werden. "Dafür sind jedoch ein Stück Fantasie und die Diskussion von Alternativen notwendig", sagt Morawitz und fügt hinzu: "etwas, der der Politik zurzeit völlig abgeht". Froh ist er, dass mit dem 7. März wenigstens ein "möglicher weiterer Öffnungstermin für den Einzelhandel skizziert" wurde.

Morawitz' Enttäuschung teilt Aalens Citymanager Reinhard Skusa. Er habe gehofft, dass es zu einer Öffnung ab dem 1. März kommen würde. Die Voraussetzungen, auch unter weiteren Auflagen zu öffnen, seien gegeben. Vor allem steige der Frust, da der Messwert anfangs bei einer Inzidenz von 50 lag und nun auf 35 gesunken ist. "Das ist eine willkürliche Zahl", sagt Skusa. Denn der Handel sei laut Studien nicht Pandemietreiber.

Wir kommen aus der Pandemie nur raus, wenn wir einen Perspektivwechsel erlauben.

Richard Arnold, Oberbürgermeister

Für die Gastronomie hat sich wieder nichts geändert, sagt der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, Dagobert Hämmerer. Im Gegenteil: "Die Frustration ist noch größer geworden." Während man vor kurzem noch von Lockerungen bei einer Inzidenz unter 50 ausging, sei der Grenzwert nun auf 35 gesunken. Doch die Gastronomie werde bei Lockerungen nicht einmal mehr erwähnt, so Hämmerer. "Wir verlieren langsam das Vertrauen in die Regierung", sagt er. Seit 2. November ist die Gastronomie im Lockdown. Vom Geld komme nichts an. Die letzte Hilfe sei eine kleine Abschlagszahlung im Dezember gewesen. Bis das nächste Geld fließe, sei die Gastronomie richtig kaputt, sagt der Dehoga-Kreischef. Hämmerer schaut wenig optimistisch in die Zukunft: Zu den 15 Betrieben im Ostalbkreis, die coronabedingt schließen müssen, werden noch einige dazu kommen. Viele Mitarbeiter werden in andere Branchen abwandern. "Sie sind alle fassungslos".

Für Bernd Bäuerle, Obermeister der Friseurinnung Aalen, ist der Beschluss noch kein richtiger Lichtblick. "Ich werde mich hüten, gleich Termine zu vergeben, und warte lieber noch ein paar Tage ab", sagt er. Jutta Grames hingegen, Obermeisterin der Gmünder Friseurinnung, sieht die Öffnung zum 1. März als klare Zusage: "Endlich Licht am Ende des Tunnels", sagt sie. Auch mit Kollegen habe sie bereits gesprochen. Sie wollen Termine vergeben. Dass andere Branchen nun mit Neid auf die Friseurbetriebe schauen, könne sie durchaus verstehen. Man müsse aber auch hinter die Kulissen blicken. Blieben die Friseurbetriebe geschlossen, werde es immer mehr Schwarzarbeit geben. Und da werde sicherlich nicht ausreichend auf die Hygienemaßnahmen geachtet. Im Salon dagegen könne die Ausbreitung des Virus viel besser kontrolliert werden.

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