Patientenbücher erzählen Schicksale

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Stadtarchiv 5: Zwangssterilisierungen Patientenbuch
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Bislang nicht erschlossene Akten beinhalten Dokumentationen von Zwangssterilisierungen im städtischen Krankenhaus in der NS-Zeit.

Schwäbisch Gmünd

Lange Jahre lagen sie unberührt im Gebäude am Münsterplatz 12. Unterm Dach. Patientendokumentationen aus dem städtischen Spital. Sie sind Teile der nicht erforschten Akten des Stadtarchivs. 17 Bände dieser Patientenbücher gibt es aus den Jahren 1934 bis 1945. Ihnen schenkt diese GT-Serie über verborgene Schätze des Gmünder Stadtarchivs besondere Aufmerksamkeit. Denn sie lenken den Blick auf ein bedrückendes Phänomen: Zwangssterilisierungen im städtischen Krankenhaus in den Jahren von 1934 bis 1945.

Stadtarchiv Dr. Niklas Konzen gewährt einen Einblick in diese Bücher. Die Patienten sind in diesen erfasst: Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Religion, Krankheit und Behandlung sind - neben weiteren Angaben - in ihnen erfasst. Da ist zu finden Elsa M., die im Jahr 1944 wegen Taubstummheit sterilisiert wurde. Oder Walburga B. wegen „Schwachsinn“ und „angeborener Taubheit“. Allein drei Frauen tauchen Ende Juli / Anfang August 1940 auf, die wegen „angeborenen Schwachsinns“ sterilisiert wurden.

Grundlage für die Behandlung war das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das zum 1. Januar 1934 in Kraft trat. Dieses Gesetz ließ die Zwangssterilisation von Menschen zu, die im Sinne dieses Gesetzes als „erbkrank“ galten. Menschen mit angeborener geistiger oder körperlicher Behinderung und psychisch kranke Menschen, insbesondere bei Schizophrenie, Depression, bipolarer Störung oder Alkoholsucht. Das Gesetz erlaubte ihre Sterilisation ohne ihre Einwilligung. Ärzte wurden darüber hinaus verpflichtet, solche „Erbkrankheiten“ anzuzeigen, sagt Konzen. In der Zeit des Nationalsozialismus sind etwa 400 000 Menschen zwangssterilisiert worden. In Gmünd waren nach Unterlagen des Staatlichen Gesundheitsamtes der Kreise Gmünd und Welzheim zwischen 1935 und 1937 216 Menschen betroffen, 87 Männer und 129 Frauen. Von 1937 bis 1945 waren in Gmünd allein 81 Personen betroffen, 29 Männer und 52 Frauen.

Die Daten in diesen Patientenbüchern werfen die Frage auf, ob Menschen aus Gmünd dem sogenannten „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Dr. Niklas Konzen schließt dies nicht aus. Dieses Programm mit dem Namen „Aktion T 4“ - das T steht dabei für die Zentrale des Programms in der Tiergartenstraße 4 in Berlin - führte in den Jahren 1939 bis 1941 zur Ermordung von etwa 70 000 Menschen in sechs Vernichtungsanstalten. Die, die am nächsten bei Gmünd lag, war Grafeneck. Bei dem ehemaligen Schloss bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb sind von Januar bis Dezember 1940 von den Nationalsozialisten 10654 Menschen mit Behinderung ermordet worden. Dass dies in Schwäbisch Gmünd bekannt war, darüber hat der frühere Lehrer des Scheffold-Gymnasiums, Franz Merkle, im Einhorn-Jahrbuch 2020 geschrieben. Merkle hat dafür die Kriegstagebücher des ehemaligen Gmünder Stadtarchivars Albert Deibele ausgewertet. Die Aufzeichnungen beginnen im August 1939 und enden nach 1945. Deibele berichtet dort immer wieder von den Morgen auf Grafeneck. Erstmals, so Merkle, schreibt Deibele am 14. August 1940 über „Gerüchte, die in Gmünd im Umlauf“ seien. Hinter vorgehaltener Hand werde über die Tötung von Behinderten geredet.

Konzen möchte gerne mehr wissen, ob sich zwischen den Einträgen in den Patientenbüchern und den Morden auf Grafeneck Zusammenhänge erschließen lassen. Deshalb begrüßt Konzen, dass die Studentin Mathilda Hafner aus Heidelberg eine Bachelorarbeit über die Zwangssterilisierungen in Gmünds städtischem Krankenhaus schreibt. Dafür ging sie die Patientenbücher durch, kann jedoch zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussagen zu Ergebnissen treffen.

Die Serie: Verborgene Schätze im Stadtarchiv

2. August, die GT-Serie zum Stadtarchiv vorgestellt.9. August: Kommunisten in Gmünd in der Kriegszwischenzeit16. August: Überzeugter Nazi und homosexuell – der tragische Fall Ernst Haug23. August: „The kiss I never got“ – US-Soldaten schreiben sich in Kläre Dangelmaiers Freundschaftsbuch.30. August: Zwangssterilisierungen im städtischen Krankenhaus 1934 - 19456. September: Die Sittenpolizei ahndet: Prostitution im 19. Jahrhundert.

Stadtarchiv 5: Zwangssterilisierungen Patientenbuch

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