Präzisionsarbeit mit Tonnengewicht

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Der Rotrinnenenweg, auch bekannt als Sägbock, wurde zum Teil abgebrochen.
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Der Fußgängerüberweg Sägbock, beziehungsweise Rotrinnenweg wurde am Dienstagabend und -nacht teilweise abgebrochen. Treppenanlagen werden heute entfernt.

Schwäbisch Gmünd

Die Umleitung war ausgeschildert, die Autokräne sowie der Tieflader standen bereit. Exakt im Zeitplan, wie der Leiter des städtischen Tiefbauamts, Jürgen Musch, zufrieden bemerkte. Viele Augenpaare gingen nach oben. Gespannt wurde ab 18 Uhr jeder im Vorfeld ausgeklügelte Handgriff verfolgt. Aus Theorie wurde Praxis. Und so ist der Rotrinnenweg, im Volksmund Sägbock genannt, also die Fußgängerbrücke über die Remsstraße in Schwäbisch Gmünd nun seit Dienstagabend um 20.15 Uhr Geschichte.

Seit der Untersuchung im Jahr 2019 war klar, dass in Sachen Sägbock dringender Handlungsbedarf besteht. Denn in zwei von drei Teilen des Stegs wurden korrodierende Spannstähle entdeckt. Nicht auszumalen was passiert wäre, wenn die Spannstähle gebrochen wären. Seither gab es kontinuierliche Kontrollen, denn die Demontage einer solchen Fußgängerbrücke geht nicht von jetzt auf nachher. Das Stuttgarter Ingenieurbüro Schäfer Hiller Ingenieure wurde mit der Planung für den Abbruch beauftragt. Berechnungen, Absprachen mit der Deutschen Bahn, Ausschreibungen und vieles mehr galt es zu koordinieren. Am Dienstag um 18 Uhr war es schließlich soweit.

Am frühen Abend galt es für die Mitarbeiter der Firmen Helling und Max Wild aus Bergheim, den ersten Teil, der sich über die Remsstraße spannt, zu entfernen. Sprich, zwei Autokräne wurden so positioniert, dass an jedem Ende des Teils Ketten umgelegt werden konnten. Diese wiederum wurden durch einen Hubsteiger angelegt. Das sechsköpfige Team der Firma Wild leistete Präzisionsarbeit. Sägeschnitte wurden angesetzt, Bestandsdorne getrennt, beziehungsweise durchsägt. Vorab waren die alten Konstruktionspläne studiert worden und der Statiker berechnete. Das Können der Spezialisten zeigte sich bereits beim Abbruch der Neckartalbrücke an der A 6 bei Heilbronn, wie Ingenieur Arend Schäfer informierte. Wiederum Millimeterarbeit leisteten die Kranführer der Firma Helling, die das Teilstück des Stegs mit seinem Gewicht von 65 Tonnen langsam hochhievten und sachte auf einen bereitstehenden Tieflader einschweben ließen.

Bestückt mit diesem Teilstück des Sägbocks ging dessen Fahrt dann in die Lorcher Straße auf einen Schotterplatz, wo es zerkleinert wurde für die weitere Abfuhr. Dass die Remsstraße komplett gesperrt werden musste für diesen Abbruch, war klar. Geduld bedurfte es dann für das zweite Teil, das über die Bahngleise führt. Denn es musste das Zeitfenster beachtet werden, in dem die Deutsche Bahn grünes Licht gab. Sprich, wo kein Schienenverkehr stattfindet. „Und so ein Zeitfenster zu bekommen, ist schwierig und muss lange vorbereitet werden“, erklärte Ingenieur Schäfer. Und so machten sich die Spezialisten für schwere Abbrucharbeiten erst wieder um Mitternacht ans Werk. Dann war der zweite Teil des Sägbocks dran. Mit einem Gewicht von 62 Tonnen.

Jetzt bietet sich ein ungewohnter Blick für alle, die täglich auf der Remsstraße unterwegs sind. Denn das vertraute Bild hat sich durch den Abbruch des Sägbocks stark verändert. „Das sieht alles so offen aus. Man sieht die Bäume“, staunte ein Augenzeuge.

Bis zur kompletten Neugestaltung des Bereichs soll ein Treppenturm den restlichen Teilsteg nutzbar machen. Für Abbruch des Sägbocks und Treppenturm sind 430 000 Euro im Etat veranschlagt.

Exakt im Zeitplan.“

Jürgen Musch, Leiter städtisches Tiefbauamt
  • Der Rotrinnensteg wurde 1973 gebaut, da der Verkehr auf der Remsstraße weiter zunahm. Der Steg wurde immer wieder saniert, so 2011 und 2018.
  • Der Rotrinnensteg und die daneben liegende Rotrinnenbrücke haben ihren Namen vermutlich daher, dass dort bis 2013 der Schlachthof stand und in früheren Zeiten durch einen Kanal Schlachtabfälle und viel Tierblut in die Rems geleitet wurden, vermutet Jürgen Musch.
  • Im Volksmund heißt der Rotrinnensteg Sägbock - vermutlich, weil dort vor dem Bau des Betonstegs im Jahr 1973 eine Holzkonstruktion den Fußgängern die gefahrlose Querung der Remsstraße ermöglichte.

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