Psychisch kranke Menschen haben Nachholbedarf

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Patienten sollen natürlich nicht aufs Bild: In diesen Räumen im Haus der Gesundheit sind in den letzten zehn Jahren mehr als 40 000 Mal Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen behandelt worden.
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Seit genau zehn Jahren gibt es die Gmünder Außenstelle des Zentrums für Psychiatrie Winnenden – die Corona-Krise sorgt für Mehrarbeit.

Schwäbisch Gmünd

Mehr als 40 000 Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen sind seit 2010 im Gmünder Haus der Gesundheit behandelt worden. Am 1. Juli vor genau zehn Jahren war der Außenstandort des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) im Klinikum Schloss Winnenden eröffnet worden.

Im Moment erleben die rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort zunehmend, was die Corona-Krise mit den Menschen macht und gemacht hat. Durch die Kontaktbeschränkungen zum Beispiel: "Soziale Kontakte spielen eine wichtige Rolle bei Menschen mit psychischen Erkrankungen", sagt Dr. Deniz Karagülle, in Gmünd ansässiger Chefarzt der "Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie". Umso schneller wird es schwierig, wenn die wegbrechen. "Die Patienten waren viel auf sich alleingestellt", so Karagülle.

Es haben ganz einfache Mittel der Psychiatrie zum Teil gefehlt, "dass man sagt, gehen Sie mal in die Stadt oder freuen Sie sich auf einen Besuch", erzählt ZfP-Geschäftsführerin Anett Rose-Losert.

Für Menschen, die schon vorher psychisch labil waren, habe die Corona-Krise oft verstärkend gewirkt, berichtet Pflege dienstleiterin Marija Eckert-Bilic. Auch in dieser Hinsicht: "Die Corona-Krise war ein optimaler Nährboden für Süchte", sagt Dr. Christopher Dedner, Chefarzt der Klinik für Suchttherapie und Entwöhnung. Seine Abteilung ist eines der Therapieangebote der Gmünder ZfP-Außenstelle, knapp zehn Prozent aller Patienten werden dort wegen Suchtproblemen behandelt.

Die Corona-Krise war ein optimaler Nährboden für Süchte.

Dr. Christopher Dedner

Langfristige Corona-Folgen

Während manche Beratungsstellen beim Corona-Lockdown geschlossen hatten, haben die Fachleute in der Gmünder Psychiatrie versucht, ihre Arbeit unter veränderten Bedingungen fortzuführen: "Wir hatten den Betrieb nicht eingestellt, haben versucht am Telefon weiterzuarbeiten", erzählt Rose-Losert.

Inzwischen wird der Nachholbedarf sichtbar, "jetzt strömen die Leute", sagt Karagülle. Und der Arzt ist überzeugt davon, dass alle Folgeschäden der Krise noch lange nicht offenbar sind: "Ich rechne mit langfristigen Folgen, etwa durch die Zunahme häuslicher Gewalt, das werden wir erst nach Monaten oder Jahren erkennen."

Die ZfP-Außenstelle in Gmünd ist einer von zwei klinischen Psychiatrie-Standorten im Ostalbkreis, der zweite ist in Ellwangen. Bei mehr als 300 000 Einwohnern im Kreis gebe es derzeit rund 8500 Fälle für den Fachbereich, so Geschäftsführerin Rose-Losert. Was sie nach zehn Jahren Erfahrung besonders positiv findet am Standort Gmünd, ist die Verankerung in der Stadt, die alterhergebrachter Stigmatisierung von psychisch Kranken zuwiderläuft: "Im Gegensatz zu früheren Zeiten, als psychiatrische Einrichtungen immer weit außerhalb gebaut wurden, ist das Haus der Gesundheit mitten in der Stadt gelegen und ganz einfach fußläufig erreichbar."

Dr. Deniz Karagülle

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