Rätsel um Coronafälle in Gotteszell

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Im Besucherraum sind Gefangene von ihren Angehörigen mit einer Glasscheibe getrennt. Hier haben sie zweimal im Monat auch Gelegenheit für Videotelefonate via Skype.
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Wie die Bediensteten in Gotteszell mit der Corona-Pandemie umgehen und warum ein Lockdown im Lockdown bei den Gefangenen zu Unmut geführt hat.

Schwäbisch Gmünd

Seit Mitte Februar dürfen die Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gotteszell wieder Besuch empfangen: Gemäß Erlass des Justizministeriums ist hier wie auch in den anderen Justizvollzugsanstalten des Landes ein einstündiger Besuch von einem Angehörigen und einem Kind pro Monat erlaubt. Wer nach Jugendstrafe verurteilt ist, darf nun zweimal eine Stunde Besuch im Monat bekommen. Wegen der starken Ausbreitung des Coronavirus waren Besuche seit Mitte Dezember untersagt – wie bereits ab Mitte März bis Ende Juli 2020. Lediglich die Verteidiger der Frauen konnten diese im Trennscheibenraum der JVA aufsuchen.

Trotz der Besuchsfreigabe kommt bei den JVA-Mitarbeitern derzeit kein Ansturm an Anfragen an, wie JVA-Leiterin Sibylle von Schneider berichtet, die dafür auch eine Erklärung hat: Nur ein Angehöriger und ein Kind sind zugelassen – da sei die Auswahl sehr schwierig. Wie soll sich eine Mutter von mehreren Kindern entscheiden, wer mit dem Vater mitkommen darf? Zumal es für Kinder beinahe unmöglich sei, die Besuchsvorgaben einzuhalten. Sobald sie körperlichen Kontakt zur Mutter hinter der Trennscheibe suchen, wird der Besuch abgebrochen und die Gefangene kommt auf die Quarantänestation, berichtet die Anstaltsleiterin. Doch: "Wie wollen Sie einem dreijährigen Kind erklären, dass es die Mama nicht in den Arm nehmen darf?"

Die Anstalt durchgetestet

Als Alternative nutzten viele Gefangene das Angebot von Videotelefonaten, das die JVA im Frühjahr 2020 wegen der Corona-Pandemie eingeführt hat. Zweimal pro Monat dürfen die Frauen via Skype Kontakt zu ihren Angehörigen aufnehmen. Dabei können sie mehrere Familienmitglieder sehen und bekommen auch Einblick in das Zuhause, erzählt Sibylle von Schneider.

Sogenannte "vollzugsöffnende Maßnahmen" wie ein Besuch der Frauen übers Wochenende bei ihren Familien seien wegen Corona komplett eingestellt. Denn danach müssten die Gefangenen jedes Mal in Quarantäne. Und dafür fehle der Platz in der Quarantänestation, wo alle neu aufgenommenen Frauen die ersten zwei Wochen verbringen.

All diese Beschränkungen haben ein Ziel: Sie sollen verhindern, dass das Coronavirus in die JVA kommt. Denn "das Zusammenleben in der JVA ist enger als anderswo", sagt Sibylle von Schneider – ganz gleich, welche Abstandsregeln gelten.

Es war jedes Mal eine Schrecksekunde.

Sibylle von Schneider, Leiterin der JVA Gotteszell

Umso größer war der Schock, als es Ende 2020 in der JVA die ersten Coronafälle gab. Mitte November seien sechs Bedienstete positiv getestet worden, berichtet Sibylle von Schneider. Einen Monat später waren zwei Mitarbeiter betroffen. Doch dank medizinischer Masken, der Einhaltung von Abständen und wenig Kontakten seien keine Gefangenen infiziert gewesen. Anders Mitte Januar: Wegen Erkältungssymptomen sei eine Gefangene vorsichtshalber getestet worden. Der PCR-Test war positiv, genau wie bei einer weiteren Gefangenen. Doch die Bediensteten seien alle negativ gewesen. Genauso Ende Januar: Als eine Gefangene in eine andere JVA verlegt werden sollte, wurde sie getestet – und war positiv. "Daraufhin haben wir die Anstalt durchgetestet", erzählt Sibylle von Schneider. Insgesamt zehn Gefangene trugen das Virus in sich, aber niemand von den Bediensteten. "Uns ist es ein Rätsel, wie sich die Frauen infiziert haben", erklärt die JVA-Leiterin. Und: "Es war jedes Mal eine Schrecksekunde." Doch zum Glück seien alle Gefangenen symptomfrei gewesen.

Quarantäne und Lockdown

Die Betroffenen mussten dann in ihren Wohnbereichen in Quarantäne. Im größten der insgesamt fünf Hafthäuser der JVA leben immer zwölf bis 16 Frauen zusammen in diesen Art Wohngemeinschaften. An den gemeinsamen Aufenthaltsbereich mit Küche sind dort Einzel-, Zweier- und Dreierzimmer angegliedert. In den anderen Gebäuden wohnen die Gefangenen zum Teil auch in Einzelzimmern.

Doch die Frauen begegnen sich nicht nur in den Wohnbereichen und beim täglich einstündigen Hofgang, sondern auch bei der Arbeit, unter anderem in der Schreinerei, Malerei, Näherei, Wäscherei und Küche. Um diese Kontakte einzudämmen, gab es in der JVA "einen Lockdown im Lockdown", berichtet Sibylle von Schneider. Doch ohne Arbeit fehlte den Gefangenen nicht nur die Tagesstruktur, sondern auch ihr Lohn, den sie für Kaffee, Zigaretten oder Anrufe einsetzen. "Das hat zu großem Unmut geführt", berichtet die Anstaltsleiterin, die seit der Corona-Pandemie noch mal einen ganz anderen Organisationsaufwand zu stemmen hat: "Es ist spannend geworden", sagt sie, "doch ich habe ein gutes Team um mich".

Die Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd im ehemaligen Dominikanerinnenkloster Gotteszell ist die größte Vollzugseinrichtung des Landes für den geschlossenen Frauenvollzug. Derzeit sind dort 313 Gefangene untergebracht. Insgesamt sind rund 190 Mitarbeiter in der JVA beschäftigt.

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