Rücksichtslos ausgebeutet

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Stadtarchivar Dr. Niklas Conzen (l.) ist Professor Dr. Ulrich Müller dankbar für dessen eindrucksvolle Recherche zur Geschichte der NS-Fremd- und -Zwangsarbeiter in Gmünd und das daraus resultierende Buch.
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Professor Dr. Ulrich Müller hat dank neu entdecktem Archivmaterial die Geschichte der NS-Fremd- und Zwangsarbeiter aufgearbeitet.

Schwäbisch Gmünd

Ab 1940 müssen NS-Zwangs- und Fremdarbeiter in Gmünd allgegenwärtig gewesen sein: Von 1939 bis 1945 waren laut Einwohnermeldekartei 3319 Fremdarbeiter in der Stadt gemeldet, was rund einem Zehntel der Bevölkerung entsprach. Warum dies erst rund 75 Jahre später ein Thema in Gmünd ist? Bislang schlummerten die Quellen im Gmünder Stadtarchiv. 2018 wurde der Historiker Professor Dr. Ulrich Müller auf die umfangreichen Verwaltungsakten aufmerksam – 17 laufende Meter – und begann, sie auszuwerten. Herausgekommen ist das Buch „Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter und Displaced Persons in Schwäbisch Gmünd zwischen 1940 und 1950“. Am Dienstag wurde das Werk, das als Band 17 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs erscheint, im Prediger vorgestellt.

Millionen von Verschleppten

Den Grund für den großen Bedarf an Zwangsarbeitern skizzierte Bürgermeister Julius Mihm in seiner Ansprache: Als 1941 der Krieg ausgeweitet wurde, habe dies zu einem immer größeren Bedarf an Arbeitskräften geführt, zumal die meisten deutschen Männer in Uniform und an der Front waren. Die Forschung gehe von mindestens acht Millionen Betroffenen aus, ging Müller auf die Größenordnung ein. Zuständig für deren „Rekrutierung“ war Fritz Sauckel, der NS-Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er zum Tode verurteilt, weil die Verschleppung von Millionen Menschen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet wurde.

Zurück zu den Gmünder Fremd- und Zwangsarbeitern: Dank einer „ausgesprochen guten Quellenlage“ konnte Müller ein anschauliches Bild zeichnen, wie sie in Gmünd gelebt und gearbeitet haben. Untergebracht waren sie in 43 über die ganze Stadt verteilten Lagern, wozu neben dem Schwerzer mitsamt Baracken auch die Jahn-Turnhalle, die später dem Hallenbad wich, zählte. Des Weiteren seien so gut wie alle Wirtschaften und das „Pelikan“, das katholische Vereinsheim, umfunktioniert worden.

Auffallend nannte Müller eine hohe Fluktuation. Ein Franzose etwa habe sich nach sieben Tagen wieder abgemeldet. Wie in Frankreich für den Arbeitseinsatz geworben wurde, machte Müller mit einem Plakat deutlich, das vor dem Bolschewismus warnt. Aus Frankreich kamen 613 Männer und Frauen, aus Belgien, Polen, den Niederlanden und Italien rund 250 und aus Russland/der Ukraine rund 1000, darunter 431 Frauen. „Je weiter aus dem Osten sie kamen, desto schlechter war ihre Unterkunft“, wies Müller auf ein West-Ostgefälle auch bei der Bezahlung hin. Weitere Regel: Landarbeiter wurden schlechter als Industriearbeiter bezahlt.

In seiner Archivarbeit, die Eingang ins Buch fand, konnte Müller viele weitere Aspekte beleuchten, etwa, wo die Arbeiter zum Einsatz kamen: bei großen Unternehmen wie Schenk und ZF, aber auch in der Landwirtschaft, der Stadtverwaltung, bei den Kirchen und an vielen anderen Stellen. Die Ressourcen von Fremdstaaten seien rücksichtslos ausgebeutet worden, so Müllers Fazit. Seine Untersuchung geht nach dem Ende des Krieges weiter, als die Zwangsarbeiter zu Displaced Persons wurden und zum Teil nicht in ihre kommunistischen Heimatländer zurückwollten.

Stadtarchivar Dr. Niklas Conzen dankte dem Autor für die eindrucksvollen Ergebnisse. Weil im Dritten Reich wichtige Rüstungsbetriebe in Gmünd ansässig gewesen seien, habe er mit seiner Untersuchung eine schmerzliche Forschungslücke schließen können.

„Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter und Displaced Persons in Schwäbisch Gmünd zwischen 1940 und 1950“, Einhorn-Verlag, 18 Euro.

Je weiter aus dem Osten sie kamen, desto schlechter war ihre Unterkunft.“

Professor Dr. Ulrich Müller,, Historiker

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