Schwul und lesbisch in Gmünd

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Bei der Auftaktveranstaltung zur Aktion „Einhorn sucht Regenbogen“ (von links): Elke Heer, Niklas Konzen, Ingrid Hofmann, Karl-Heinz Steinle, Kirsten Plötz und Martin Pozsgai.
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Die Stadt möchte die Schicksale der Menschen aufarbeiten, deren Liebe nicht der als Norm angesehenen Ehe entsprach.

Schwäbisch Gmünd

Schwule und lesbische Menschen lebten und leben immer auch in Gmünd. Doch wie war und ist dieses Leben? Das soll in den nächsten Jahren erforscht und dokumentiert werden. Das Museum im Prediger, das Stadtarchiv, die Stabsstelle Chancengleichheit der Stadtverwaltung und die Gmünder VHS tragen dieses Projekt mit dem Titel „Einhorn sucht Regenbogen. Queer in Schwäbisch Gmünd“. Gestartet wurde es am Montag auf der Remspark-Bühne.

Als Redner dabei waren die Historiker Karl-Heinz Steinle und Kirsten Plötz. Beide arbeiteten mit am Forschungsprojekt „LSBTTIQ in Baden und Württemberg“, in dem die subkulturellen Lebensweisen und Verfolgungsschicksale homosexueller Männer im Baden-Württemberg des 20. Jahrhunderts untersucht wurden. Diese Studie wird vom Land unterstützt, das damit nach eigenen Angaben bei der Aufarbeitung der Schicksale lesbischer, schwuler, bisexueller, transsexueller, transgender, intersexueller und queerer Menschen (LSBTTIQ) eine Vorreiterrolle einnimmt.

„So alt wie Gmünd ist, so lange gibt es schwules und lesbisches Leben in Gmünd“, sagte Oberbürgermeister Richard Arnold zur Einleitung. Und als er, selbst bekennender Homosexueller, in dieser katholisch geprägten Stadt als OB kandidierte, hätten die Bürger das „sehr locker und nonchalant genommen“. Immer wieder hätten Mütter ihm damals im Gespräch anvertraut, ihre Tochter sei „auch so“. Er selbst sehe sich auch nicht als schwulen OB, sondern als OB.

Unter dem Titel „Schwul in Schwaben“ ging Karl-Heinz Steinle auf die Geschichte der Homosexualität ein, die wohl schon in den Klöstern des Mittelalters ihren Raum gehabt habe. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie wieder unter Strafe gestellt. Eine Petition gegen diesen Paragrafen 175, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Berlin erstellt wurde, wurde auch von zwei Gmündern unterzeichnet. In dieser Zeit habe sich auch ein „Kreis der Freunde“, in dem homosexuelle Männer aus Gmünd, Aalen und Heidenheim Kontakt hatten, getroffen. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die strafrechtliche Verfolgung drastisch verschärft, der Gmünder Ernst Haug sei dafür zum Beispiel ins Konzentrationslager geschickt worden.

Ebenso wie Steinle lobte Kirsten Plötz, dass eine Stadt diesen Aspekt ihrer Geschichte aufarbeiten möchte. Doch im Gegensatz zur Homosexualität sei ihr Thema, die Liebe zwischen Frauen, in der Geschichte oft unsichtbar. Noch 1954 sei lesbische Liebe nicht einmal im Brockhaus erwähnt worden. Ebenso wie Richard Arnold vermutet sie, dass lesbische Beziehungen in der Lehrerschaft öfter vorkamen. Insgesamt riet sie, den Begriff lesbischer Liebe sehr weit, über die Sexualität hinaus, zu fassen. Oft sei die Geliebte „die Freundin“ gewesen. Obwohl lesbische Beziehungen nicht verfolgt wurden, hätten die Frauen es schwer gehabt. Sie seien lange Zeit brutal in Ehen hineingedrängt worden, in denen sie rechtlos waren. Die Repressionsgeschichte lesbischer Frauen sei erst in Ansätzen erfasst.

Das soll sich für Gmünd nun ändern, daran arbeitet eine Arbeitsgruppe mit VHS-Leiterin Ingrid Hofmann, Martin Pozsgai vom Museum im Prediger, Stadtarchivar Niklas Konzen und der städtischen Beauftragten für Chancengleichheit, Elke Heer. Wer Fotos, Briefe, Unterlagen oder Tagebücher zu dem Thema hat, ist aufgerufen, diese Materialien dem Archiv oder dem Museum zugänglich zu machen. Die VHS möchte im Herbst eine Geschichtswerkstatt zu dem Thema starten.

Queer ist laut Wikipedia ein Sammelbegriff für Personen, die durch den Ausdruck ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität eine Abgrenzung zur Heterosexualität vollziehen.

So alt wie Gmünd ist, so lange gibt es schwules und lesbisches Leben in Gmünd.

Richard Arnold,, Oberbürgermeister

Frist zur Rehabilitierung läuft bald ab

Wer nach 1945 nach dem Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs wegen homosexueller Handlungen verurteilt worden war, kann inzwischen rehabilitiert werden. Referent Karl-Heinz Steinle wies allerdings darauf hin, dass die Frist für diese Möglichkeit im Juni dieses Jahres abläuft. Wer sie noch nutzen möchte, sollte sich mit der Gmünder Aids-Hilfe in Verbindung setzen, riet Steinle.

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