Sie hat sogar schon Schiffe gestoppt

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Gratulanten für Gertrud Müss am Schönblick: (v.li.) Martin Scheuermann und Christian Baron (re.), (stehend) Anja Kontermann, Dr. Ute Schütte, Gerhard und Monika Schwarz. Foto: Tom
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Gertrud Müss feierte am Montag ihren 101. Geburtstag im Pflegeheim Schönblick. Lange hat sie an der oberen Halde gelebt.

Schwäbisch Gmünd

Man stelle sich das vor: Eine Jugendliche legt am Ufer des Rheins bei Koblenz ihre Kleidung ab und springt beherzt ins Wasser. Ihr Ziel ist das andere Ufer, das sie auch erreicht. „Wegen ihr mussten die Schiffe stoppen“, erzählt Monika Schwarz. „Klar, dass es da eine ordentliche Abreibung der Mutter gab, schließlich mussten sie ihre schwimmbegeisterte Tochter nun am gegenüberliegenden Ufer abholen.“ Dabei wirft Monika Schwarz einen amüsierten Blick auf ihre eigene Mutter, Gertrud Theresia Müss. Denn die Jugendliche von damals war die Frau Mama. Und die feierte am Montag im Pflegeheim Schönblick ihren 101. Geburtstag.

Ein ganz besonderes Geburtstagsständchen wurde der Jubilarin durch Schönblick-Geschäftsführer Martin Scheuermann, Bürgermeister Christian Baron, ihre Tochter Monika Schwarz mit Gatte Gerhard sowie Dr. Ute Schütte für den Ortsschaftsrat und Heimleiterin Anja Kontermann zuteil. „Großer Gott, wir loben dich“, klang es im Chor gesungen durch den Garten. Sie selbst legte den Kopf etwas schräg und lauschte in ihrem Rollstuhl sitzend. Immer wieder fiel dabei ihr Blick auf die beiden Blumensträuße, die Scheuermann und Baron ihr zum Gratulieren mitgebracht hatten. Ja, Blumen kann es nicht genug geben, wenn man seinen 101. Geburtstag feiert.

Viel hat sie erlebt, in ihrem Leben. Nicht nur die Auswirkungen des ersten Weltkriegs, sondern auch die des zweiten Weltkriegs. Da gab es manche prekäre Situation, die sie meisterte. Etwa als Siebenjährige. Als die Staatspolizei das elterliche Haus in der Schwäbisch Gmünder Spitalgasse  nach Unterlagen durchsuchten, die ihren Vater Erwin Wieland als überzeugten SPDler bloßstellen sollten. Kurzerhand hatten die Eltern der kleinen Gertrud Ohrfeigen verpasst, um bei ihr rote Wangen zu erzeugen. Dann wurde sie ins Bett gesteckt. Und natürlich wollte sich keiner von der Gestapo dem „kranken“ Kind nähern. Folglich wurde ihr Bett nicht durchsucht. Gut so, denn ansonsten hätte man das verbotene SPD-Schriftgut unter der Matratze im Kinderbett entdeckt.

Viel Entbehrung gab es auch nach dem Krieg, als der Gatte Wilhelm in Kriegsgefangenschaft geriet. Mit ihm war die Jubilarin 54 Jahre lang verheiratet. Tochter Monika kam im April 1945 im Margaritenhospital zur Welt. Die Geburt war begleitet von Sirenengeheul und Tieffliegern über der Stauferstadt. „Die Geburt fand bei Kerzenschein und verdunkelten Fenstern statt“, beschreibt Tochter Monika. Probleme bei der Geburt erzeugten eine Blutvergiftung, so dass Gertrud Müss bereits als 24-Jährige die letzte Ölung erhielt, wie Schwiegersohn Gerhard erklärt. Aber die frischgebackene Mutter überlebte.

Gatte Wilhelm kam schließlich aus der Kriegsgefangenschaft zurück und wurde Polizist. Gertrud selbst hatte bis zur Geburt der Tochter als Kontoristin in der Silberwarenfabrik Kühn gearbeitet. Anschließend in der ZF. 1954 konnte ein Siedlerhaus an der Oberen Halde gekauft werden. Beide engagierten sich im Siedlerverein. Sie auch als Bastlerin für den Wohltätigkeitsbazar. Dabei pfiff sie immer gern ein Liedchen bei der Bastelarbeit vor sich hin, wie Tochter Monika weiß.

Als der Gatte 1998 starb, blieb Gertrud in ihrem Haus. Tochter und Schwiegersohn zogen zu ihr. Als vor elf Jahren der Pflegebedarf stark anstieg, zog sie ins Pflegeheim Schönblick. Stark dement und auf den Rollstuhl angewiesen, erhält sie dort die professionelle Hilfe, die sie braucht. „Und ich schau einmal pro Woche vorbei“, schildert Tochter Monika.  Meist gesellen sich dann auch andere Bewohner hinzu. „Dann heißt es nur: Moni ist da …“, lächelt die Tochter.

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