St. Katharina: Geschenk des Himmels

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Seit zehn Jahren mietet die rumänisch-orthodoxe Gemeinde die Kirche St. Katharina von der Münstergemeinde. An den Wochenenden hält der Pfarrer dort Gottesdienste, werktags ist er Fernfahrer.

Schwäbisch Gmünd

Vor zehn Jahren hat Pfarrer Mircea Neagu im St.-Katharinen-Kloster in Israel zur Heiligen Katharina gebetet: "Sankt Katharina, bitte, bitte, bitte gib mir dein Haus für meine Leute." Dienstagabend ist er von seiner Reise heim gekommen. Damals nach Alfdorf, heute lebt er mit seiner Frau Gerlinde in Mutlangen. Mittwochfrüh rief der Kirchenpfleger der Gmünder Münstergemeinde an: Der Kirchengemeinderat habe zugestimmt. Die rumänisch-orthodoxe Gemeinde darf die Kirche St. Katharina im Schwerzer nutzen. "Dass die Heilige Katharina meine Bitte so schnell erfüllen würde, hätte ich nicht gedacht", sagt der Pfarrer, der sich Bart und Haare seit seiner Priesterweihe 1982 nicht mehr geschnitten hat – eine Tradition der Orthodoxen.

Als Neagu den Mietvertrag bekam, wurde er noch mal nervös. Denn er wusste: Viel kann seine Gemeinde nicht bezahlen. Doch da stand "Miete null Euro". Lediglich die Gebäudeversicherung und den Strom muss die Gemeinde St. Andreas finanzieren. "Ein Geschenk des Himmels", ist sich der Pfarrer sicher. Und "ein Zeichen der gelebten Ökumene". Bei einem ökumenischen Treffen unter anderem mit Münsterpfarrer Robert Kloker kam überhaupt erst die Idee auf, dass die rumänisch-orthodoxe Gemeinde in das Kirchlein einziehen könnte.

Zuvor hielten die Orthodoxen ihre Gottesdienste in der Herrgottsruhkapelle am Leonhardsfriedhof nach Absprache mit der altkatholischen und der evangelischen Gemeinde Gmünd Ost. Doch die Kapelle sei zu klein gewesen für drei Gemeinden, sagt Neagu. In St. Katharina habe die Münstergemeinde ohnehin keine Gottesdienste mehr gefeiert. Jetzt halte seine Gemeinde das Gotteshaus instand und sauber.

Kussmund auf den Ikonen

Es sei selbstverständlich, dass er nichts an der Kirche verändere, die unter Denkmalschutz steht. Das Eisengitter mit Tür, das den Altarraum vom Kirchenschiff trennt, hat der Pfarrer zur Ikonenwand umfunktioniert. Doch die fünf mit Blattgold verzierten Bilder sind nur aufgesetzt und samt der Plastikblumen einfach zu entfernen, versichert Neagu.

Die Bilder sind hinter Plexiglas. Zu ihrem Schutz, denn Orthodoxe küssen ihre Ikonen. Manche Frauen mit Lippenstift, sagt der Pfarrer und holt zum Beleg ein Bildnis von der Auferstehung Christi vom Altar, das er selbst gemalt hat. Jetzt ist unter Jesus' Füßen ein rosa Kussmund zu erkennen. Er stellt das Bild zurück auf den Altar neben weitere Bilder, Kreuze und Kelche.

Den Altarraum zu betreten, ist Männern vorbehalten. Frauen sei es "wegen ihrer monatlichen Unreinheit" nicht erlaubt. Für die Predigt, die am Ende der Gottesdienste steht, tritt der Pfarrer aus dem Altarraum hervor zu den Gemeindemitgliedern. Doch während der Liturgie zieht er die Vorhänge zu, die er an den Eisengittern am Altarraum angebracht hat. Während dieses Dialogs zwischen Pfarrer und Gemeindemitgliedern sehen diese ihn nicht, um sich ganz darauf konzentrieren zu können, erklärt er. Dieser Dialog ist Teil der sonntäglichen Gottesdienste von 10 bis gegen 12 Uhr.

In der Osternacht dauert allein die Liturgie eineinhalb bis zwei Stunden. Der Gottesdienst beginnt am kommenden Samstag um 22.45 Uhr und endet gegen 4 Uhr am Sonntagfrüh. Übrigens sind die Gläubigen dabei nüchtern ab dem Mittagsschlaf, wie vor jeder Kommunion: "So ist die Freude darauf größer", erklärt Neagu.

Das ist der Wahnsinn.

Pfarrer Mircea Neagu über die zahlreichen Besucher in der Osternacht

Bestimmt 500 Gläubige nehmen jedes Jahr an der Osternachtsfeier teil, sagt der Pfarrer. Weit mehr als in St. Katharina Platz finden. "Sie stehen dann bis rüber zum Sportplatz", erzählt Neagu, "das ist der Wahnsinn". Die Auferstehung Christi ist am Ende einer siebenwöchigen Fastenzeit, in der Gläubige auf Fleisch und tierische Produkte verzichten, das höchste orthodoxe Kirchenfest.

Zwei Ostertermine

Dieses Jahr feiern sie Ostern am selben Termin wie die westlichen Kirchen. Das ist jedoch eher eine Seltenheit. Orthodoxe berechnen den Ostertermin nach dem Julianischen Kalender, die westlichen Kirchen nach dem Gregorianischen Kalender. Erst 2025 fallen die Ostertermine wieder zusammen. Leider, meint Neagu. Denn das bedeutet für ihn, dass er bis zu seiner Rente in sechs Jahren ab dem orthodoxen Gründonnerstag bis zum Ostermontag Urlaub nehmen muss. Denn der 60-Jährige verdient als Fernfahrer sein Geld. Unter der Woche ist er mit dem Lastwagen in Europa unterwegs, am Wochenende schlüpft er in St. Katharina in eines der prächtig verzierten kirchlichen Gewänder. In der Fastenzeit trägt er ein schwarzes, an Ostern ein weißes, das mit goldenen und roten Stickereien verziert ist.

Wie viele Mitglieder zu seiner Gemeinde gehören, könne er schwer abschätzen, sagt Neagu. Zu den Sonntagsgottesdiensten kämen stets 60 bis 150 Rumänisch-Orthodoxe aus Schwäbisch Gmünd, dem Remstal, aus Göppingen, Welzheim oder auch Ellwangen. Denn die nächsten rumänisch-orthodoxen Gemeinden seien in Stuttgart, Crailsheim und Donauwörth. Von den russisch- und griechisch-orthodoxen Gemeinden unterscheide sie lediglich die Sprache. Die Gottesdienste in St. Katharina sind auf Rumänisch und auf Deutsch, in einem Gottesdienstbuch seien sie auf Griechisch übersetzt, erklärt Neagu, der vor 27 Jahren mit seiner deutschstämmigen Frau aus Rumänien in den Gmünder Raum gekommen ist.

Kein Zölibat

"Mein Schatz ruft an", ertönt der Klingelton seines Handys, als seine Gattin bei ihm anruft, mit der er drei erwachsene Söhne hat. Ja, das Zölibat sei noch etwas, das Orthodoxe von der römisch-katholischen Kirch unterscheide, meint er und zeigt stolz Fotos von seinen fünf Enkeln auf seinem Smartphone.

Ein Kirchlein für Verstoßene vor den Toren der Stadt

Als Aussätzige wurden Leprakranke ab dem 12. Jahrhundert aus der Stadt getrieben und fristeten in dem Areal St. Katharina vor den Toren Gmünds ihr Dasein, weiß Angelika Rieth-Hetzel, die in St. Katharina an der Schwerzerallee Gästeführungen anbietet.

Die erste Kirche St. Katharina stammt vermutlich aus dem ersten Viertel des 13. Jahrhundert, hat Angelika Rieth-Hetzel recherchiert. Die erste Erwähnung war 1341. Nach gotischen Umbauten wurde die Kirche ab Mitte des 18. Jahrhunderts barockisiert.

Kirchenmaler Joseph Wannenmacher stellte in den Deckengemälden der Kirche die Heilige Katharina dar. An den Wänden malte er das Leiden Christi. Es sollte die Kranken trösten und ihnen vor Augen führen, dass Christus viel mehr gelitten hatte als sie. jul

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