Stickmotive für ewiges Leben

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Foto: Jan-Philipp Strobel
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Die zweite Sonderausstellung im Gmünder Schulmuseum beschäftigt sich mit der Kultur des Sterbens und Volksfrömmigkeit im Laufe der Zeit und zeigt sogenannte Versehtextilien.

Schwäbisch Gmünd

Die zweite Sonderausstellung des Gmünder Schulmuseums lockte zur Eröffnung viele Besucherinnen und Besucher an. Zur Einstimmung interpretierten eindrucksvoll Lea und Amelie Hann als Violin-Viola-Duo Georg Friedrich Händels„Chaconne“und„Pastorale“.

Das Thema „Bis zuletzt – Versehtextilien“ warf bei Besuchern die Frage auf, warum diese im Schulmuseum zu sehen sind. Die Erläuterung findet sich in der Unterzeile des Plakates: Zeugnisse der Mädchenbildung und Bezüge zu aktuellen Bildungsplänen und zur Alltagskultur. Auf der rechten Raumseite sind Druck- und Ton-Exponate der Gegenwart zu sehen und zu hören, im Flur ein Glaskasten mit Mustertüchern und mehr.

Erster Bürgermeister Christian Baron sagte in seinem Grußwort: „Heute gibt es eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit dem Tod.“ Doch der Gedanke an den Tod gehöre zum Leben. Beides sei in unserer Zeit wieder präsenter geworden. Corona und die Ukrainekrise habe den Tod stärker ins Blickfeld gerückt. Wurde der Tod früher im Familienkreis würdig im eigenen Zuhause begangen, hat sich das heute geändert. Volksfrömmigkeit gehöre aber zur eigenen Geschichte in Bildung und Land. „Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß nicht, wohin er geht!“

Waren Tod und Sterben stärker im Familienlebenpräsent, werde heute im Altenheim und im Krankenhaus gestorben. Es sei eher anonym. Dekan Robert Kloker erläuterte das Ritual, bei dem die Versehgarnitur benötigt wird. 

Der Versehgang sei kein Versehen, sondern leite sich davon ab, dass der Sterbende mit geistlichem Beistand „versehen“ werde. Für Christen bedeute Sterben nicht nur von dieser Welt zugehen, sondern in eine andere Welt überzugehen. Das werde in der Versehgarnitur deutlich: das Kreuz als Sinnbild für Christi Tod und Auferstehung, der Kernbotschaft des Christentums. Die Schale für das Weihwasser als Erinnerung an die Taufe und Zeichen für das ewige Leben. Das Gefäß für die Krankensalbung, früher letzte Ölung, als Mittel zur Stärkung für den letzten Weg. „Viatikum“heißt die Krankenkommunion, die Wegzehrung für den letzten Weg. Für Dekan Kloker ist mit der Ausstellung eine Frage an die Gesellschaft verbunden: „Wie muss die Kunst des guten Sterbens aussehen?“

Kuratorin Professor Dr. Ulla Gohl-Völker bereitete das Publikum auf die Ausstellung vor. Das Plakatmotiv Aronsstabstamme nicht von der Pflanze gleichen Namens, sondern geriere von Aarons Stab. Er gehörte dem Bruder von Moses. Aaron habe an der Führung der Stämme Israels teilhaben dürfen, weil sein Stab als einziger ausgeschlagen, Blüte und Früchte gezeigt habe. Es als geöffnete Mandelblüte dargestellt, aus der ein Kreuz erwächst.

Hervorragende Religionsstunde

Die stilisierte, weit geöffnete Mandelblüte ist ein Hinweis auf die Ankunft des Messias, ermöglicht durch die Jungfrau Maria. Auf den Textilien sind weitere Symbole vereint:  Ähren erinnern an die Hostie, Weintrauben und -Blätter an Christi Tod und das ewige Leben. Die Knospen, zu sehen auf dem kleinen viereckigen Tuch rechts und links neben dem Kreuz, bedeuten, als Vorstufe für die Blüte, Werden und Entstehen des Lebens, das Kleeblatt die Dreieinigkeit, die Ranken als fortlaufendes Motiv die Ewigkeit.

So lesen sich die Stickmotive als nonverbales Zeichensystem auf das Versprechen des ewigen Lebens.

Gerda Fetzer, Vorsitzende des Fördervereins des Schulmuseums, schloss lobend die Einführung der Kuratorin mit den Worten: „Das war eine hervorragende Religionsstunde“.

Mehr Bilder gibt's online auf www.tagespost.de.

  • Die zweite Sonderausstellung „Bis zuletzt – Versehtextilien“ ist bis zum 31. 12. 2022 zu sehen im Schulmuseum im Klösterle Schwäbisch Gmünd, Münsterplatz 15.
  • Geöffnet: Letzter Samstag und Sonntag im Monat, von 13 bis 17 Uhr. Gruppenführungen nach Vereinbarung unter www.schulmuseumgd.de.
Foto: Jan-Philipp Strobel
Foto: Jan-Philipp Strobel
Christian Baron und Gerda Fetzer begutachten das älteste Exponat der Ausstellung.
Christian Baron und Gerda Fetzer begutachten das älteste Exponat der Ausstellung.

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