Stirbt die Erdbestattung bald aus?

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Eine Urnenwand auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof. "Pflegeleicht oder pflegefrei", so wünschen sich viele Menschen heute die Gräber.
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Vom Wandel und Umbau der Friedhöfe: Das große Erdgrab ist ein Auslaufmodell – kleiner, pflegeleichter, naturnäher sollen Gräber heutzutage sein.

Schwäbisch Gmünd

Es ist wahrscheinlich die traurigste Minute bei einer Beerdigung, wenn ein Sarg langsam in die Grube gesenkt wird. Aber diese Szene findet nur noch selten statt auf den Friedhöfen in der Region, die traditionelle Erdbestattung ist ein Auslaufmodell geworden.

„Urnenbestattungen gehen rapide nach oben“, erzählt der evangelische Pfarrer Reiner Kaupp. 2020 sind 368 Verstorbene auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof bestattet worden, nur 44 davon in Form einer Erdbestattung. Die Zahlen von anderen Friedhöfen sehen ähnlich aus. Wie sich die Begräbniskultur wandelt, lässt sich an der Liste der Bauprojekte in vielen Gemeinden erkennen: Wenn andere Grabformen gefragt sind, müssen die Friedhöfe angepasst werden. Waldstetten hat seinen Friedhof 2021 umgebaut, in Heubach werden derzeit 82 neue Urnenplätze eingerichtet, Gschwend hat 300 000 Euro für die Umgestaltung des Friedhofs eingeplant. Der Trend ist flächendeckend: „Aus den Ortsteilen kommen viele Wünsche und Anregungen zur Umgestaltung der Friedhöfe“, sagt Zeno Bouillon, der Leiter des Gmünder Friedhofsamts.

Besonders gefragt seien „pflegeleichte und pflegefreie“ Grabformen, erzählt Bouillon. Das Familiengrab mit seinen sechs bis acht Quadratmetern Fläche, das 20 oder mehr Jahre lang bepflanzt, gepflegt, geschmückt wird, passt nicht mehr zu den Lebensentwürfen vieler Menschen. Die Vielfalt nimmt zu: „Wir haben in Gmünd 17 unterschiedliche Bestattungsformen.“ Schlichter und naturnäher ist vor allem gefragt, aus fast allen Ortsteilen komme der Wunsch nach Baumgräbern, erzählt Amtsleiter Bouillon. Beim Baumgrab weist nur eine schlichte Steintafel im Rasen auf die Ruhestätte von Verstorbenen hin. Die radikalste Form der Vereinfachung ist eine anonyme Bestattung, bei der nach der Beisetzung nichts an den Toten erinnert. 90 Mal ist das im vergangenen Jahr gemacht worden auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof. Anonyme Bestattungen sieht Reiner Kaupp skeptisch, er findet, dass Trauernde einen Ort brauchen: „Wenn gar nichts da ist, fehlt etwas.“

Um Baumgräber möglich zu machen, haben Zeno Bouillon und seine Mitarbeiter auf dem Friedhof in Lindach einige Bäume mit geeigneter Fläche drumherum ausgesucht. So ein Platz muss erst mal vorhanden sein. „Das geht nicht überall“, sagt Bouillon, in diesem Fall braucht es mehr Zeit, um einen geeigneten Ort zu haben. Zum Beispiel in Rechberg. „Dort werden drei neue Bäume gepflanzt“ - damit möglichst bald auch Baumbestattung möglich sind.

Wenn die klassischen, aneinandergereihten Erdgräber zusehends verschwinden, entsteht mehr Raum, anderer Raum. „Es geht weg vom klassischen 90-Grad-Winkel“, sagt Bouillon. „Friedhöfe werden immer mehr zu Parks", sagt Waldstettens Bürgermeister Michael Rembold, dessen Gemeinde 2021 fast 400000 Euro für den Umbau des Friedhofs ausgegeben hat. Zeno Bouillon betont die ökologische Qualität solcher Friedhöfe, die „grüne Oasen“ werden, wertvoll unter anderem durch viel unversiegelte Fläche. „Und es stehen zwischen 5000 und 6000 Bäume auf allen Gmünder Friedhöfen.“

Die Grabformen ändern sich, die Gesamtanlage mit ihnen, aber die Atmosphäre soll sich nicht ändern: „Es sollen weiter Orte des stillen Gedenkens sein“, sagt Bouillon. Michael Rembold drückt es so aus: Ein Friedhof sei ein Platz "für Begegnungen in sensiblen Situationen", aber auch "um die Seele baumeln lassen".

Wir haben in Gmünd 17 unterschiedliche Bestattungsformen.“

Zeno Bouillon ,, Leiter des Friedhofsamts
  • Gräber, die Rang und Wohlstand zeigen
  • Repräsentativ statt schlicht, monumental statt naturnah: Gräber von führenden Gmünder Familien aus der Stadtgeschichte zeigen, wie es früher war. Wenn der Fabrikant starb, sollte sich sein Status beim Grab zeigen. Auf dem Gmünder Leonhardsfriedhof findet man solche Gedenkmonumente – die heute Gegenstand des Denkmalschutzes sind. Soll ein solches Grab aus Sicht der Familie aufgelöst werden, übernimmt die Stadt: „Wir haben über 50 erhaltenswerte Grabstätten übernommen“, erzählt Amtsleiter Bouillon. Insgesamt 101 erhaltenswerte Grabstätten auf dem Leonhardsfriedhof hat die Stadt aufgelistet.
Baumgräber auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof. Das klassische Familiengrab mit sechs bis acht Quadratmetern Fläche, die man 20 oder mehr Jahre lang bepflanzen und pflegen muss, ist ein Auslaufmodell.

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