Traurige Tage so glücklich gemacht

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Der amerikanische Soldat Leroy aus Wyoming bedankt sich für die Gastfreundschaft - und erinnert gleichzeitig an den „kiss I never got“, den Kuss, den er niemals bekommen hat. Fotos: Stadtarchiv
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Wie privat einquartierte amerikanische Soldaten im Sommer 1945 eine außergewöhnliche Gastfreundschaft erleben, die das Elend vergessen lässt.

Schwäbisch Gmünd

Frühjahr 1945. Schwäbisch Gmünd ist von den amerikanischen Alliierten besetzt. Für die gilt in der ersten Zeit ein striktes Fraternisierungsverbot, denn Deutschland ist für die Amerikaner besiegte Feindnation und die Deutschen werden nach wie vor als Nazis wahrgenommen – Verbrüderung also unerwünscht. Erstaunlich ist daher ein Freundschaftsbuch von 1945, das dem Gmünder Stadtarchiv vor zwei Jahren als Schenkung ins Haus flatterte. Vermutlich wurde irgendein Haushalt aufgelöst, und die Erben erkannten in dem kleinen Büchlein mit 15 Widmungen ein Dokument von historischem Wert.

„Erinnerungen an einen lieben Freundeskreis“ hat Klara Dangelmaier den Einträgen vorangestellt und ein Vergissmeinnicht dazu gemalt. Ihr, einer damals 22 Jahre alten Frau, und ihrer Schwester Magdalena, 26 Jahre alt, gelten die Widmungen. Das Erstaunliche: Es ist nicht ein deutscher Freundeskreis, der sich einschrieb, sondern amerikanische Soldaten. Die Amerikaner hatten, nachdem die Militärregierung sich im unzerstörten Gmünd niedergelassen hatte, viel Wohnraum beschlagnahmt, darunter auch das Haus ihres Vaters in der Maucherstraße, und Soldaten dort einquartiert. Offensichtlich stellte sich schnell ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den GIs und den Töchtern des Hauses, Claire und Maude genannt, ein.

In kurzen Worten und mit einem Foto von sich bedanken sich die Amerikaner für die Gastfreundschaft, die wirklich eine besondere gewesen sein muss. Die jungen Frauen werden als warmherzig, „sensitive“ und intelligent beschrieben. Beide als „music lovers“. Ein Charles aus Cleveland, Ohio nennt sie „two of the finest friends I ever met“ – zwei der feinsten Freunde, die ich jemals hatte. „You made the sad days so much happy“, du hast die traurigen Tage so glücklich gemacht, schreibt ein anderer.

In manchen Zeilen schwingt Liebe mit, Leroy aus Wyoming etwa wird beinahe etwas vorwurfsvoll und erinnert an den „kiss I never got“, den Kuss, den er niemals bekommen hat. Er belegt auch die letzte Seite des Buches und nennt sie „the last page for the lover“. Auf Seite 15 wird ein weiteres Fräulein erwähnt: „Also a kiss for my Fräulein ‚Claudia‘“, bittet Jim aus Baltimore.

Verbot leicht umgangen

„Von oben versucht man die Kontakte zu unterbinden, auf der alltäglichen Ebene menschelt es“, ist das Freundschaftsbuch für Stadtarchivar Dr. Niklas Konzen ein Beweis dafür, wie leicht das Fraternisierungsverbot umgangen werden konnte. Wie die Vorgaben von oben genau lauteten, ist in mehreren amerikanischen Soldatenzeitungen dokumentiert, die ebenfalls im Gmünder Stadtarchiv aufbewahrt werden. Der Historiker Dr. Ulrich Müller aus Waldstetten hat sie 2016 für das Einhorn-Jahrbuch ausgewertet. Titel wie „The Warrior“ und „Corps News“ berichteten damals über die Weltpolitik, aber auch über Schwäbisch Gmünd und den Alltag der Soldaten.

Ein „verrottetes Land“

Ab Mitte Juli sei es den Soldaten erlaubt gewesen, sich mit Deutschen auf der Straße zu unterhalten, schreibt Müller. Weitere Lockerungen des Fraternisierungsverbots wurden dann jedoch von Berlin aus unterbunden. Auch eine Heirat zwischen GI und einer Deutschen blieb streng untersagt. Immer wieder kamen in den Publikationen kritische Stimmen zu Wort. Im Februar 1946 etwa warnte Hy Freedman im Warrior: „Dieselben Leute, mit denen du lachst und trinkst, haben deine Freunde und Verwandten getötet, sie hofften auf Amerikas Zerstörung und Versklavung … Bevor du den Krauts die Hände schüttelst und ein Bier mit ihnen trinkst, erinnere dich an all die Untaten, die die Deutschen getan haben.“

Immer wieder geht es um die Frage, ob die amerikanischen Soldaten Frau und Familie mit ins besetzte Deutschland nehmen sollen. Frau und Kind in dieses „verrottete Land“ zu bringen, wird zumeist vehement abgelehnt – die Lebensbedingungen seien hier für eine Frau unzumutbar.

Mit Herz und Verstand geöffnet

Im Hause Dangelmaier scheint die allgemeine Not nur an wenigen Stellen durch, und die Warnungen und Vorgaben von oben scheinen keine Bedeutung gehabt zu haben. Nach dem Ende des Krieges hält die weite Welt in der Maucherstraße Einzug und zwei junge Frauen öffneten sich ihr mit Herz und Verstand. Viele Widmungen enden mit der Hoffnung, man möge sich eines Tages wiedersehen. Ob der Kontakt bestehen blieb, das allerdings liegt im geschichtlichen Dunkel.

„Erinnerungen an einen lieben Freundeskreis“ hat Klara Dangelmaier den Einträgen vorangestellt.

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