Über die dünne Wand zwischen Irrsinn und Verstand

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"Der fliegende Thomas" feiert Uraufführung in der Theaterwerkstatt Schwäbisch Gmünd.

"Der fliegende Thomas" von Gerhard Weber feiert in der Theaterwerkstatt Uraufführung. Wie das Ein-Mann-Stück des gebürtigen Gmünders ankam. Von Birgit Markert

Schwäbisch Gmünd

„Der fliegende Thomas“ – ein Titel, der sich so schön nach abheben anhört. Doch manchmal funken gemeine Präfixe dazwischen. Rausfliegen etwa ist gar nicht schön. Doch genau darum geht es in dem Ein-Personen-Stück von Gerhard Weber, das am Freitagabend in der Gmünder Theaterwerkstatt uraufgeführt wurde.

Thomas Wegener sitzt allein am Küchentisch. Gesellschaft leistet ihm nur noch das Foto seiner verstorbenen Frau, das er stets vor sich hat. Mit ihr führt er ein langes Zwiegespräch, das nur einmal durch ein Telefonat mit seiner Tochter Julia unterbrochen wird. „Du bist schon zwei Wochen weg, wann kommst Du wieder?“, fragt der Vater. Doch das Kind ist groß und längst seinen Weg gegangen; aus der Einsamkeit wird das Kind ihm nicht helfen können.

Unerträglich wird die Leere in Wegeners Leben, als ein Brief ins Haus flattert: Er sei derzeit nicht vermittelbar, steht in dem Schreiben vom Arbeitsamt, das er mit zitternder Hand zerreißt. Aussortiert wie ein alter Fernseher fühlt er sich und erkennt: „Heute ist der Tag, an dem sich alles ändert.“

Die rund 25 Zuschauer verfolgen hautnah den inneren Monolog eines Menschen, der sich plötzlich auf dem Abstellgleis wiederfindet. Klaus Falkhausen ist die Rolle wie auf den Leib geschrieben. Eine existenzielle Dramatik bekommt der Stoff durch Corona. Das Stück von Gerhard Weber (Skript und Regie) ist zwar bereits 2019 entstanden, wurde aber von der Pandemie quasi eingeholt: Die monatelange Zwangspause für Schauspieler schwingt in jeder Sekunde mit.

Es ist ein Wechselbad der Gefühle: Wegener hadert, resigniert, und im nächsten Moment braust er auf. Er beklagt die unbarmherzigen Gesetze des Marktes, die vom Menschen erwarten, dass er sich ständig optimiert. Er denkt, an Jean Améry anknüpfend, an Selbstmord – der Freitod als Privileg des Humanen. „Ich will hier raus, wo ist der Ausgang?“ Er sucht Befreiung im Schnaps, den er dann aber doch lieber wieder in die Flasche zurückgießt, und schon kommt ihm eine ganz andere Idee: Im Frühjahr ans Nordkap, mit dem Moped.

Langsam gerät Wegener in eine Phase, die Gerhard Weber bei der Begrüßung angekündigt hatte: „Es ist nur eine dünne Wand zwischen Irrsinn und Verstand“, zitierte er Friedrich Nietzsche. Wegener erscheint zunehmend verrückter. Er selbst bezeichnet es als verwegen, „Thomas Verwegener – das gefällt mir.“ Er will sich das wirkliche Leben zurückholen, doch die Geschichte geht nicht gut aus. Wie es der Titel angekündigt hat, fangt Thomas an zu fliegen, nicht ans Nordkap, sondern 200 Meter in die Tiefe.

„Eine tolle Arbeit und Respekt vor der Leistung“, lautete die einhellige Meinung des Publikums, als sich im Anschluss Klaus Stemmler zusammen mit dem Autor und dem Schauspieler auf der Bühne zur Diskussion einfanden. Es sei für ihn ein intensives Spiel gewesen, das ans Eingemachte gehe, verriet Falkhausen. Und der in Gmünd-Hussenhofen geborene und aufgewachsene Gerhard Weber zeigte auf, wie schwierig es an Theatern derzeit sei, Stücke unterzubekommen, weil sich Produktionen aufgestaut haben.

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