Über mutige Politikerinnen der ersten Stunde

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Vor nahezu vollbesetztem Saal führte Dr. Julia Frank in das Thema des Films ein.
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Das Brazilkino zeigte am Sonntag eine Sondervorführung des Dokumentarfilms „Die Unbeugsamen“.

Schwäbisch Gmünd. Auf der Leinwand sorgt die Grünen-Politikerin Waltraud Schoppe gerade mit ungeschminkten Worten über Vergewaltigung innerhalb der Ehe für Johlen und Toben im Plenarsaal des Bundestags. „Was für eine mutige Frau“, flüstert eine ältere Dame in der vorletzten Reihe des Zuschauerraums. Das Brazilkino in Schwäbisch Gmünd zeigte am Sonntagvormittag den Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“.

Authentische Bilder

Eingeladen zu dieser Sondervorführung hatten die Friedrich-Naumann-Stiftung, der Kreisfrauenrat Ostalb sowie die Gmünder Volkshochschule. Vor nahezu vollbesetztem Saal führte Dr. Julia Frank in das Thema des Films ein. „In authentischen Bildern und Interviews mit Akteurinnen wird die damalige Wirklichkeit in der Politik gezeigt“, erzählte die Programmmanagerin der Friedrich-Naumann-Stiftung, die sich selbst jahrelang in Gemeinderat, Kreisrat und Regionalversammlung engagierte. Regisseur Torsten Körner zeige, wie die ersten Politikerinnen in der Bonner Republik dafür kämpften, die im Grundgesetz verankerte Gleichstellung von Mann und Frau in der parlamentarischen Realität umzusetzen. „Es ist interessant, dass die Aufnahme dieses Paragrafen 1949 nicht der Einsicht der männlichen Kollegen geschuldet war, sondern von den vier Frauen im Parlament durchgeboxt werden musste“, erinnerte Frank. Dabei sei der Gleichstellungsanspruch auf „eine völlig unvorbereitete Gesellschaft“ getroffen.

„Angenehm und attraktiv“

In der Nachkriegszeit habe eine starke Sehnsucht nach Normalität und Ordnung geherrscht. In der Arbeitswelt und Politik, in den Medien und in der Familie hätten die Männer die Hosen angehabt. Frauen sei nur ein Ziel zugeschrieben worden: den Mann zufriedenzustellen. „Eine Frau sollte angenehm, attraktiv, vornehm und schweigsam sein“, zählte Frank auf, wobei ein Schmunzeln durch das Kinopublikum ging. „Ob das den Frauen passte, spielte damals eine untergeordnete Rolle.“ Allerdings dürfe man sie nicht nur als Opfer sehen.

„Auch viele Frauen hielten an dieser sozialen Ordnung fest.“ Die keineswegs eine natürliche sei: „Die biologische Unterscheidung zwischen Männer und Frauen nimmt sich vergleichsweise klein aus.“ Vielmehr sei der Missstand ein soziales Konstrukt, das täglich von beiden Seiten neu konstruiert werde. „Bis heute ist die gleichberechtigte Teilhabe nicht erreicht.“

Im Dokumentarfilm erzählen Persönlichkeiten wie Rita Süssmuth, Herta Däubler-Gmelin, Renate Schmid, Marie-Elisabeth Klee, Christa Nickels oder Ursula Männle von ihren Erlebnissen besonders in den 1970er und 1980er-Jahren. Ausschnitte aus Reden im Bundestag von Waltraud Schoppe, Aenne Brauksiepe oder Hildegard Hamm-Brücher, aber auch von Helmut Kohl oder Heiner Geißler ergänzen die Eindrücke. Ingrid Matthäus-Maiers Aufstieg und Austritt aus der FDP wird gezeigt, ebenso wie die Schicksale der Grünen-Politikerin Petra Kelly und Kanzlergattin Hannelore Kohl.

„Die Unbeugsamen“ läuft aktuell im Programmkino Brazil, Hirschgässle 7. Cornelia Villani

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