Über „Torhüter“ und „Schisshasen“

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Digitale Glühweinrunde mit Dr. Inge Gräßle: Für Donnerstag hatte sie zum Thema Inflation Sparkassenchef Markus Frei eingeladen.
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Bei Gräßles Glühweinrunde: Wie Sparkassenchef Markus Frei die Sparer sieht. Und wozu er ihnen bei Inflation rät.

Schwäbisch Gmünd. Vergleicht ein Banker Deutschland mit den USA, Japan oder dem übrigen Euroraum, gewinnt er diese Erkenntnis: In Deutschland gibt es keine Wertpapierkultur. Dies war eine Aussage des Vorstandsvorsitzenden des Kreissparkasse Ostalb, Markus Frei, als er am Donnerstag bei der digitalen Glühweinrunde der CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Inge Gräßle über Sparen und Inflation sprach. Gräßle hatte Frei eingeladen, weil sie aus Gesprächen mit Bürgern weiß, dass viele Menschen die Frage umtreibt, welche Auswirkungen eine Inflation von aktuell etwa fünf Prozent auf ihr Erspartes hat.

Seit Mitte 2021 stiegen die Inflationsraten weltweit, sagte Frei. Er ging dabei zunächst auf die Ursachen der Inflation ein. Eine davon: die befristete Senkung der Mehrwertsteuer aufgrund der Pandemie. Von 1. Juli bis 31. Dezember 2020 galt der ermäßigte Steuersatz von 16 Prozent, seit 1. Januar 2021 wieder der reguläre von 19 Prozent. Diese drei Prozentpunkte wirkten sich preissteigernd aus und verursachten einen Teil der aktuellen Inflation. Dazu kommen steigende Energiepreise. Und nicht zuletzt nannte der Chef der Kreissparkasse den Lieferkettenengpass, der zu höheren Warenpreisen und Frachtkosten und damit zu einer Teuerung führe. In Deutschland sei die Inflation so hoch wie seit 28 Jahren nicht mehr, sagte Frei. Er machte aber auch Mut: Die Prognose 2022 für Deutschland liege bei 2,5 bis 3 Prozent. Um gleich wieder etwas Wasser in den Wein zu gießen: Denn sollte die Pandemie enden, könne es sein, dass sich die steigende Inflationsrate wiederhole. Frei erläuterte die Entwicklung an Beispielen. Habe man 1974 für ein Brötchen noch 10 Cent bezahlt, so lag der Preis 2018 bei 36 Cent. Das Briefporto habe 1974 noch 20 Cent gekostet, 2018 lag es bei 70 Cent.

Zur hohen Inflationsrate kommt die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank EZB. Aktuell liege der Sparbuchzins bei 0,001 Prozent, sagte Frei. Seit 2012 gingen die Zinsen zurück. Bei einer Inflation von zwei Prozent gingen von 100 Euro bis 2030 18,29 Euro verloren. Anders formuliert: Ein 100-Euro-Sparguthaben hat dann nur noch eine Kaufkraft von knapp 82 Euro

Wie weiter, fragte Frei. Und sagte, dass er vor einigen Wochen noch geglaubt habe, die Pandemie habe sich erledigt und das Lieferkettenproblem verschwinde. Aktuell jedoch nimmt er wahr, dass sich die Auftragslage der deutschen Wirtschaft um sieben Prozent verschlechtert habe. Frei geht davon aus, dass das niedrige Zinsniveau mindestens bis 2025 bleibt. „Die Deutschen sparen viel, aber renditearm“, knüpfte er an seine Eingangsworte an. Sie seien „Torhüter“ und damit defensiv aufgestellt. Denn während bei den Deutschen der Beitrag von Wertpapieren zum Wachstums des Gesamtvermögens etwa zehn Prozent ausmache, liege er bei den Japanern und im übrigen Euroraum bei über 40 und bei den US-Amerikanern bei über 60 Prozent. So würden die deutschen Sparer im Jahr 42 Milliarden Euro verschenken.

„Das Sparen, das wir aus der Kindheit kennen, birgt Risiken“, sagte dazu Gräßle. Sie bekannte, ein „Schisshase“ zu sein. Frei „ermutigte“ dazu, mit Wertpapieren bessere Renditen zu erzielen. Wichtig dabei: eine längerfristige Anlage ab fünf Jahren. Dabei gebe es Varianten mit mehr und mit weniger Risiken. „Je breiter gestreut, desto geringer das Risiko“, sagte Frei. Entscheiden aber müsse jeder Sparer am besten nach einer Beratung selbst. Was Gräßle am Ende der Glühweinrunde zu der Aussage veranlasste, sie werde „über ihr Schisshasentum nochmal nachdenken“. Michael Länge

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