Ukrainer in Gmünd: Historiker blickt auf ihr Schicksal während der NS-Zeit

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Wie die Nationalsozialisten im Dritten Reich Ukrainer gegen Polen und Russen ausspielten, ist auch ein Stück Gmünder Stadtgeschichte.

Schwäbisch Gmünd

Der brutale Angriff Wladimir Putins auf die Ukraine schockiert und empört. Der russische Präsident stellt die Souveränität eines slawischen Volkes in Frage, das ein eigenes Nationalbewusstsein entwickelt hat. Was kaum bekannt sein dürfte: Auch im Gmünder Raum haben die Ukrainer um ihr Volkstum gerungen. Auf ihr tragisches Schicksal während der NS-Zeit stieß der Historiker Prof. Dr. Ulrich Müller, als er im Gmünder Stadtarchiv die Geschichte der Fremd-und Zwangsarbeiter im Gmünder Raum erforschte und Verwaltungsakten aus der NS-Zeit auswertete, darunter Ausweise, Nachweise über die Religionszugehörigkeit, Bezugskarten und vieles mehr.

Unter den gut 3300 Fremd-und Zwangsarbeitern, die laut Einwohnermeldekartei von 1939 bis 1945 in der Stadt gemeldet waren, waren viele Ukrainer. Sie stammten aus Ostpolen, das zum großen Teil erst 1921 polnisch geworden ist, schreibt Müller in seinem 2021 erschienen Buch „Fremdarbeiter, Zwangsarbeiter und Displaced Persons in Schwäbisch Gmünd zwischen 1940 und 1950“; zehn Seiten widmet er darin der Frage „Polen oder Ukrainer?“.

Müller geht kurz auf den Hintergrund ein: Die Ukrainer, die an ihrem Volkstum festhielten, litten zwischen 1920 und 1940 unter der polnischen Herrschaft; sie hofften, dass die Deutschen, die immer mehr Gebiete im Osten eroberten, sie in ihrem Bestreben nach einem selbstständigen ukrainischen Staat unterstützen. „Als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angriff, wurde sie in der Ukraine teilweise als Befreier begrüßt“, schreibt Müller. Der deutschen Seite schlossen sich sogar zwei ukrainische Bataillone an, aufgestellt von der „Organisation ukrainischer Nationalisten“ (OUN). Bewusst haben sich die Nazis die ukrainisch-polnischen und die ukrainisch-russischen Spannungen zunutze gemacht und beide Seiten gegeneinander ausgespielt.

Als der Kopf der OUN im deutsch besetzten Lemberg einen souveränen ukrainischen Staat ausrufen wollte, wurde es den Nazis zu viel – der Anführer Stepan Bandera landete als „Ehrenhäftling“ im KZ Sachsenhausen. Ihr Siedlungsgebiet wurde aufgeteilt: Das westliche Gebiet mit Galizien blieb im Generalgouvernement, „der größte Teil der zentralen und südlichen Ukraine mit 17 Millionen Menschen wurde als Reichskommissariat unter dem Gauleiter von Ostpreußen rücksichtslos ausgeplündert, und mehr als zwei Millionen Ukrainer mussten in Deutschland Zwangsarbeit leisten“, fährt der Historiker fort.

Müller stieß im Archiv auf rund hundert Zwangsarbeiter im Altkreis Gmünd, die mit der ihnen zugewiesenen polnischen Nationalität nicht einverstanden waren. Konnten sie ihre ukrainische Volkszugehörigkeit nachweisen, wurde auf der Meldekarte rechts oben mit rotem Farbstift „Ukrainer“ nachgetragen. Bei den Personalpapieren finden sich Briefe von Pfarrämtern und Gemeindeverwaltungen, die dem Antragsteller die Zugehörigkeit bestätigen. „Entscheidend war die Taufe in der griechisch-katholischen Kirche“, führt Müller weiter aus. Lag dieser Nachweis vor, wurde den Antragstellern auch die arische Abstammung attestiert. Auch wer sich in einer kulturellen Vereinigung engagierte, konnte damit sein Ukrainertum unter Beweis stellen, was Vorteile hatte, etwa besser mit Kleidungsstücken versorgt zu werden.

Müller behandelt auch die Heimführung der Zwangsarbeiter nach dem Ende des Krieges, die für die Ukrainer ein weiteres Desaster war: Weil sie keinen eigenen Staat hatten, wurden sie im Herbst 1945 gegen ihren ausdrücklichen Willen in die UdSSR repatriiert, „wo sie zurecht befürchten mussten, dass die Sowjets an ihrer Loyalität zweifeln würden“. Das vergiftete Verhältnis zwischen Russen und Ukrainern erhält durch Putins Aggressionen und den Angriffskrieg neue Nahrung, achtzig Jahre, nachdem die Nazis verbrannte Erde hinterließen.

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Um als Ukrainer anerkannt zu werden, mussten die Zwangsarbeiter einen Nachweis erbringen, dass sie der griechisch-katholischen Kirche angehörten (Gmünder Stadtarchiv (Bestand A17.02.01, Büschel 21)

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