Vergewaltigung: Mehr Zeugen für Urteil benötigt

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Schläge und Tritte seien mit der Tat einhergegangen. Widersprüchliche Aussagen machen Fortsetzung notwendig.

Schwäbisch Gmünd. Drei Anklagepunkte, acht Zeugen und eine Frage: Hat der 26-jährige Angeklagte V. im vergangenen November die 40-Jährige H. vergewaltigt oder nicht? Neben Vergewaltigung werden V. außerdem Hausfriedensbruch - ebenfalls bei H. - sowie Fahren ohne Fahrerlaubnis vorgeworfen. Ob der Angeklagte im schwersten Anklagepunkt allerdings schuldig ist, darüber fällt das Schöffengericht im Gmünder Amtsgericht am Dienstag kein Urteil. Denn die Aussagen des Angeklagten und des mutmaßlichen Opfers, das in der Verhandlung als Nebenklägerin auftritt, weisen Widersprüche auf. Weitere Zeugen werden geladen, ein Fortsetzungstermin ist festgelegt.

Doch was genau soll V. Anfang des vergangenen Novembers getan haben? Am frühen Morgen eines Sonntags habe der Angeklagte dem mutmaßlichen Opfer vor ihrer Wohnung aufgelauert, verliest Staatsanwalt Ulrich Karst die Anklageschrift. Dort soll er ihr ins Gesicht geschlagen, sie festgehalten und Geschlechtsverkehr mit ihr vollzogen haben - gegen ihren Willen. Im Klartext: Er soll sie vergewaltigt haben. Schnell wird klar, dass der Mann, der seit 2018 in Deutschland lebt, nichts von dieser Version wissen möchte. "Das ist alles anders vorgefallen, als angegeben", sagt V., der sich während der Verhandlung zum Teil mittels eines Dolmetschers äußert.

Er habe H. nicht vor ihrer Wohnung aufgelauert. Im Gegenteil: Es sei ein ausgelassener Abend mit Musik, Tanz und Alkohol in seiner Wohnung gewesen. Mit dabei sei auch ein Kollege des Angeklagten gewesen, der allerdings nicht durchgängig vor Ort gewesen sei. Zunächst sei der besagte Kollege aufgebrochen, um mehr zu trinken zu kaufen. In dieser Zeit sei es zum Geschlechtsverkehr zwischen den Beiden. "Das war mit ihrem Einverständnis", sagt V. Der Kollege sei zurückgekehrt, habe sich aber in den frühen Morgenstunden final verabschiedet. Er habe H. gefragt, ob sie bei ihm übernachten wolle, sie habe verneint. Es sei Streit gekommen, beide hätten sich gegenseitig gestoßen. Schließlich habe er sich abgefunden, sie gehen zu lassen und sie "Hand in Hand" nach Hause begleitet. In der darauffolgenden Zeit hätten sie sich weitere Male getroffen.

Doch diese Aussage macht Richter Thomas Baßmann stutzig. Denn ursprünglich habe V. angeben für das gesamte Wochenende mit einem Bekannten in Stuttgart gewesen zu sein. Zudem habe er diesen angewiesen, dies zu bestätigen, sollte die H. diesen Bekannten kontaktieren. Doch der "Alibi-Zeuge" verneinte, mit V. jemals in der Landeshauptstadt gewesen zu sein. "Es gibt Bilder von Frau H. mit blauen Flecken", bemerkt der vorsitzende Richter. Etwa auf den Innenseiten der Oberschenkel oder der linken Wange. "Es könnte ein älteres Bild sein", sagt der Angeklagte. Doch Richter Baßmann bestätigt, dass die Fotos von der Polizei am besagten Tag gemacht worden seien.

"Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten", sagt Staatsanwalt Karst. Entweder der Angeklagte halte die Geschichte für so überzeugend, dass sie für einen Freispruch reiche, oder er überlege sich, was wirklich passiert ist, um zu retten, was zu retten ist. Denn: "Für mich ist das Quatsch, was Sie hier erzählen." Er halte es für ziemlich ausgeschlossen, dass V. mit seiner Aussage auch alle übrigen Anwesenden überzeugt. Doch V. beharrt auf seiner Aussage: "Ich habe alles so geschildert, wie es vorgefallen ist."

Dann wird das mutmaßliche Opfer vernommen. Unter sichtlichen Schwierigkeiten und unter schwerem Atem versucht sie das Passierte nachzuerzählen. "Ich kriege einige Bilder zusammen." Bilder von Tritten gegen den Oberschenkel. Schlägen gegen den Hinterkopf. Und der Miene von V. "Dieses Gesicht werde ich nie vergessen. Es war so hasserfüllt. So wütend." Sie habe versucht, sich zu wehren, V. habe ihr daraufhin ins Gesicht geschlagen - und begonnen, sich an ihrer Hose zu schaffen zu machen. "Dann ist einfach eine große Leere da." Angefangen habe die Tat auf der Straße, geendet in einem Raum. In welchem Gebäude? Das könne sie nicht sagen. Nach diesem Vorfall habe es zwischen H. und ihrem mutmaßlichen Peiniger keine weiteren Treffen gegeben.

Mehrere Polizeibeamte, die mit dem Fall zu tun hatten, berichten im Zeugenstand übereinstimmend von einer äußerlich verletzten H.. Ebenso habe sie "psychisch angeschlagen" gewirkt. Auch auf eine Assistenzärztin des Stauferklinikums, die sie nach der mutmaßlichen Vergewaltigung behandelte, habe sie "sehr niedergeschlagen" gewirkt. Vor allem die Hämatome, also die blauen Flecken, seien ihr in Erinnerung geblieben. Ob sie sich die Bilder dieser, die dem Gericht vorliegen, anschauen könne? Immer wieder betont die Ärztin, keine Fachfrau auf diesem Gebiet zu sein und daher keine komplett genaue Angabe machen zu können. Trotzdem hat sie den Anschein, dass die blauen Flecke "sicherlich nicht direkt davor passiert" sind. Die Verfärbung passe nicht zum Zeitraum. Eine Analyse der Abstriche, die sie bei H. nahm, weisen Spuren des Angeklagten auf, verliest Richter Baßmann.

Das Gericht spricht am Dienstag kein Urteil. Denn der Angeklagte V. beharrt darauf, sich weitere Male mit H. getroffen zu haben. Das könne sich das Gericht von Zeugen bestätigen lassen. Und somit für Zweifel an H's. Glaubwürdigkeit sorgen. Auch der Kollege, der in der Tatnacht anwesend gewesen sei, solle noch gehört werden. 

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