Vergewaltigung: zwischen Freispruch und Haftstrafe

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Symbolbild

Vergewaltigung konnte nicht nachgewiesen werden. Urteil wegen schwerer Körperverletzung.

Schwäbisch Gmünd. "Was ist in der Nacht passiert, was können wir sicher sagen?", fasst Richter Thomas Baßmann zusammen, was er und die beiden Schöffinnen vor Verkündung des Urteils klären mussten. Fest steht dabei: Die Beweislage genügt nicht, um den Angeklagten V. wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung schuldig zu sprechen. Dennoch verlässt der den Gerichtssaal mit einer Haftstrafe.

Am zweiten Verhandlungstag warten viele Zeuginnen und Zeugen darauf, den Angeklagten V. durch ihre Aussage zu entlasten. Doch dazu kommt es nicht. Denn das Opfer H., das in der Verhandlung als Nebenklägerin auftritt, korrigiert Einzelheiten ihrer vorherigen Aussage. Auch hat sie ein neues Beweismittel: einen Chatverlauf mit dem Angeklagten aus dem vergangenen November, in dem er sich eindeutig auf die Tat beziehen soll. Die daraus resultierenden Ergebnisse genügen dem Gericht um Richter Baßmann, um ein Urteil zu fällen.

In dem dem Gericht vorliegenden Chatverlauf aus dem vergangenen November klagt das Opfer H. über die schweren Verletzungen, die ihr V. zugefügt habe, dass sie kaum laufen konnte. Bilder von blauen Flecken werden verschickt, von Vorwürfen und Entschuldigungen ist zu lesen. "Da ist viel von Verletzungen die Rede", merkt Richter Baßmann an. Von Vergewaltigung lese er nichts. Dass diese Nachrichten erst jetzt vorgelegt werden, "verstehe ich ganz ehrlich nicht ganz und finde es auch nicht amüsant", sagt Staatsanwalt Peter Karst. Auch Strafverteidiger Christoph Reichart zeigt sich verständnislos: "Es erschließt sich mir nicht, warum Sie diese Nachrichten nicht vorgelegt haben."

Zudem macht das Opfer H. in dieser Verhandlungsfortsetzung andere Angaben, als noch beim ersten Termin. Im ersten Durchlauf sagte sie, es habe nach der mutmaßlichen Vergewaltigung keine weiteren Treffen gegeben. Jetzt gibt sie an, eine weitere Nacht mit V. verbracht zu haben. Der Angeklagte berichtete bereits beim ersten Verhandlungstermin von diesem Treffen. Ebenso berichtete sie, dass V. ihr vor ihrer Wohnung aufgelauert habe, als sie von ihrer Mutter zurückkehrte. Tatsächlich hätten sich die Beiden zusammen mit einem von V's. Kollegen in einer Wohnung getroffen. Dort sei es zur körperlichen Auseinandersetzung zwischen Opfer und Täter gekommen. Was den Angeklagten dennoch belastet: Er wies einen weiteren Kollegen an, zu behaupten, mit V. für das Tatwochenende in Stuttgart gewesen zu sein.

Was sich dennoch bei den beiden Aussagen unterscheidet: Laut V. habe es vor der Handgreiflichkeiten einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gegeben. Laut H. habe er sie nach der Auseinandersetzung vergewaltigt. Entsprechend unterschiedlich fallen die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Strafverteidigung aus. "Das, was hier passiert ist, ist schon ordentlich", sagt Staatsanwalt Karst. Für ihn sei die Tat nicht mehr im unteren Bereich der Schwere anzusiedeln, sondern im mittleren. Zusammen mit den Vorwürfen des Hausfriedensbruchs und des Fahrens ohne Fahrerlaubnis fordert er 3 Jahre und sieben Monate Haft für V. Zugute komme V. dass er keine Vorstrafen in Gewalt- oder Sexualdelikten hat.

Dass V. behauptet habe, er sei zur Tatzeit in Stuttgart gewesen, "war nicht gerade intelligent", räumt Verteidiger Reichart ein. Dennoch fordert er im Vorwurf der Vergewaltigung V.'s Freispruch. Denn beim genauen Ablauf der mutmaßlichen Tat, "da fehlt uns alles". H. schilderte keine Details, was man traumabedingt nachvollziehen könne. Trotzdem bleibe die Frage, warum H. dann erneut mit V. "in die Kiste" steige. Eine Freiheitsstrafe von vier Monaten wegen der anderen Anklagepunkte halte er für angemessen. Ebenso fordert er die Aufhebung von V.'s Haftbefehl.

Richter Baßmann verkündet das Urteil: Der Angeklagte wird wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Fahren ohne Fahrerlaubnis zu elf Monaten Haft, ausgesetzt zur Bewährung auf drei Jahre verurteilt. Zudem wird er frühestens in zwölf Monaten seinen Führerschein wiedererlangen können und muss 60 Tagessätze à 10 Euro zahlen. Ihm werden die Verfahrenskosten sowie die Auslagen des Opfers auferlegt. Die Vergewaltigung könne ihm nicht nachgewiesen werden. Die Gewalt gegen H. ist für Baßmann dennoch "unter aller Sau".

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