Verhandlung über Eingemeindungen: Dicke Luft zwischen Nachbarn

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So sahen die Großdeinbacher Ortstafeln vor der Eingemeindung aus. Ob sich der Text darauf ändern sollte, war Angang der siebziger Jahre durchaus heftig umstritten.
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In den Verhandlungen über Eingemeindungen ging es teils scharf zur Sache. Das zeigt das Beispiel Gmünd/Großdeinbach.

Schwäbisch Gmünd

Anfang der siebziger Jahre veränderte sich die Landkarte des Ländles. Die Landesregierung wollte größere Verwaltungseinheiten erzwingen, rund um größere Städte liefen Diskussionen um Eingemeindungen - mal mehr, mal weniger harmonisch.Gar nicht harmonisch liefen die Gespräche zwischen der Stadt Schwäbisch Gmünd und der damals selbstständigen Gemeinde Großdeinbach. In den Diskussionen wurden die Argumente harsch ausgetauscht - zutreffende und widersinnige. „Bei einer Eingemeindung steigt die Kraftfahrzeugversicherung“, behauptete zum Beispiel ein Großdeinbacher in einer Bürgerversammlung. In dieser Bürgerversammlung in Deinbach kam es auch sonst zu harten Konfrontationen.

„Ich klebe nicht an meinem Stuhl“, rief Bürgermeister Helmut Naß den Zuhörern in der voll besetzten Turnhalle zu. Er ging damit darauf ein, dass Großdeinbach im Falle eine Eingemeindung keinen eigenen Bürgermeister mehr gehabt hätte. Sein Argument für die Selbstständigkeit hingegen war das Geld: Er zweifle daran, dass Gmünd auf seiner dann „unendlich“ großen Markung alle Teilgemeinden ausreichend versorgen könne. Das Land stelle für jede Eingemeindung zwar eine Sonderzuweisung von 2,5 Millionen Mark in Aussicht. Dieses Geld jedoch ziehe das Land aus Töpfen ab, die eigentlich den Gemeinden zufließen würden. Auf Konfrontation zum Deinbacher Bürgermeister ging Rechtsanwalt Rüdiger Martis. Es sei abzusehen, dass das Land künftig Gemeinden mit weniger als 10 000 Einwohnern nicht mehr anerkenne. Dann werde Großdeinbach zwangseingemeindet, jetzt könne die Gemeinde noch über Zugeständnisse verhandeln. Scharfe Kritik übte Martis daran, dass es dem Gmünder Oberbürgermeister Dr. Norbert Schoch verwehrt worden sei, auf dieser Versammlung den Gmünder Standpunkt zu vertreten: „Die Stadt ist doch kein Moloch und ihr Oberhaupt kein Ungetüm.“

Wohin wollen die Teilorte?

Auch der Eingemeindungbefürworter Josef Bader fuhr scharfe Geschütze gegen den Bürgermeister auf: Die Stadt Gmünd biete seit Jahren Gespräche über eine Eingemeindung an und Großdeinbach verzögere dies. Zum Beweis ließ er von Naß zwei Briefe des Oberbürgermeisters vorlesen, die dies bestätigten. Ein Thema in der Versammlung waren auch die Teilorte: Sollte Großdeinbach zu Gmünd kommen, würde Pfersbach lieber zu Mutlangen gehen, Radelstetten nach Lorch tendieren. Gmünds Oberbürgermeister Norbert Schoch sagte in einer Pressekonferenz, was er den Großdeinbachern an jenem Abend gerne direkt gesagt hätte: dass die Gemeinde bei einer Eingemeindung Vorteile hätte. Der Landeszuschuss für den Zusammenschluss würde komplett in Großdeinbach verwendet. Und auch steuerlich würde die Gemeinde besser fahren. Schoch machte klar, dass eine freiwillige Vereinigung zum jetzigen Zeitpunkt den Landeszuschuss bringen würde. Später werde das Land mit Sicherheit eine Zwangseingemeindung anordnen.

Klare Verhältnisse

Diese Argumentation wiederholte Schoch wenige Tage später in einer Informationsveranstaltung, zu der mehrere Großdeinbacher Bürger ins örtliche Gasthaus „Hirsch“ eingeladen hatten. Auch dort ging es scharf zur Sache Bürgermeister Helmut Naß wiederholte, dass es ein Beschluss des Gemeinderats gewesen sei, Schoch nicht zur Bürgerversammlung einzuladen - was ein Großdeinbacher Gemeinderat wiederum als unwahr abkanzelte. Naß blieb bei seiner Meinung, er sei nicht völlig überzeugt, dass das Land Großdeinbach zwangseingemeinden werde. Wie sich die Gemeinde entscheiden wird, hing letztlich von einer Abstimmung der Bürger ab, die für den folgenden Sonntag anberaumt war. Der Bürgermeister hatte für diesen Urnengang bereits klargestellt: Sollten nicht mehr als 50 Prozent teilnehmen, behält sich der Gemeinderat die alleinige Entscheidung vor. Doch die Großdeinbacher sorgten für klare Verhältnisse: 66,6 Prozent beteiligten sich an der Abstimmung. 567 Bürger stimmten für die Eingemeindung, 397 dagegen.

Bei Eingemeindung steigt die Kraftfahrzeugversicherung.“

Ein Großdeinbacher Bürger, in der Bürgerversammlung

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