Vertrauen auf eine gerechte Kraft

+
Der Kanzeltausch mit Ursula Richter und Robert Kloker als Zeichen gelebter Ökumene.
  • schließen

Schwäbisch Gmünd. „Unvorstellbares Leid, Zerstörung, Flüchtlingsströme, Menschen, die gestorben sind“ – der Krieg in der Ukraine ist allgegenwärtig, auch am Sonntagmorgen im Gmünder Münster, wo Dekan Robert Kloker und Dekanin Ursula Richter zwei Gottesdienste in ökumenischer Verbundenheit zelebrierten. „Kanzeltausch“ heißt das schon zur Tradition gewordene Format am ersten Fastensonntag, an dem Kloker seiner evangelischen Kollegin die Kanzel für die Predigt überließ.

„Kathedralen und Kirchen kann man zerstören, den Glauben nicht“, zitierte Kloker den ukrainischen Präsidenten Selenskyj und verwies auf die unglaubliche Solidarität und Hilfsbereitschaft in Zeiten der Bedrohung. Passend zu der schlimmen Zeit befand er die Bibelstelle aus dem Alten Testament, Daniel in der Löwengrube, die der neue Lektor der Münstergemeinde, Christian Kadau, vorlas.

Hybris totalitärer Machthaber

Daniel wird vorgeworfen, sich betend an Gott gewandt und damit den König umgangen zu haben. Der weltliche Herrscher lässt ihn in die Löwengrube werfen: „Möge dein Gott, dem du so unablässig dienst, dich erretten.“ Wie durch ein Wunder rühren die Raubtiere ihn nicht an. Er erklärt es damit, dass er für unschuldig befunden wurde und sein Gott einen Engel gesandt und den Rachen der Löwen verschlossen habe. Von Daniel, der Würde und Souveränität ausstrahle, könne man in Krisen viel lernen, legte Dekanin Richter den Bibeltext aus, den sie seit ihrer Zeit in der Kinderkirche im Herzen aufbewahre.

Daniel, das Opfer einer Intrige, weigere sich, die Opferrolle einzunehmen, und kehre der Bedrohung den Rücken zu. „Er, der Mann mit dem Löwenherz, lehrt uns, dass man einen Spielraum finden kann, wenn es nicht gut aussieht.“ Worauf wir schauen, Problem oder Lösung, wird uns prägen, führte die Theologin weiter aus. „Mächtig ist nur, wem ich Macht gebe.“

Es lohne sich, das ganze Buch Daniel zu lesen, fuhr Richter fort, denn der biblische Held zeige, wie man Kraftquellen erschließen kann. Die seien heute mehr denn je wichtig, wenn Leben gefährlich und gefährdet ist. Sie nannte die Pandemie, die Klimakrise und den Krieg in Europa. Wenn nun die Hybris totalitärer Machthaber viel Leid bei Unschuldigen auslöse, dürfe das nicht in Ohnmacht münden, dem müsse vielmehr das Vertrauen auf eine gerechte Kraft entgegengesetzt werden.

Sie erinnerte an Dietrich Bonhoeffer, Edith Stein und andere Märtyrer. „Auch wenn die Rettung aus Todesnot kein zu erwartender Ausgang ist, ist sie doch möglich.“ Letzten Endes erweise sich die Treue Gottes auch im Tod – „Gott lässt den Menschen nicht allein“.

Nach dem leicht abgewandelten Glaubensbekenntnis – „ich glaube an die heilige christliche Kirche“, nicht die katholische – ging es auch in den Fürbitten um die Ökumene, dass sie immer weiter wachsen möge. Breiten Raum nahm die Eskalation der Gewalt in der Ukraine ein. Gebetet wurde für all die Menschen, die unter Krieg und Terror leiden, dass sie die Kraft haben, nicht zu verzweifeln.

Auch an der Orgel war die Zerstörung an manchen Stellen fühlbar, wenn Kirchenmusikdirektor Dr. Stephan Beck gegen Ende der Eucharistiefeier bedrohliche dunkle Töne anstimmte. Schwester Ruth Ehrler bereicherte den Gottesdienst als Solistin. ⋌Birgit Markert

Foto: Jan-Philipp Strobel
Foto: Jan-Philipp Strobel

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

Kommentare