Volvo 121: perfekter Lack und hübsche Rundungen

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Die harmonische Form kommt in den 1960er-Jahren beim Publikum an, aber in Deutschland ist er vielleicht zu teuer.

Oldtimer (6): Andrea und Oliver Bundschuh sind gerne im Volvo 121 unterwegs. Weg vom Motorrad und hin zum Oldtimer-Hobby.

Schwäbisch Gmünd

Es ist ein Augenblick mit langem Nachhall: 1993 stürzt Oliver Bundschuh vom Motorrad und beschließt, künftig sicherer zu leben. Er sieht sich nach gemütlicher Fortbewegung um und wird bei der Gelegenheit zum Oldtimerfan. Ein Käfer Cabrio 1302 schafft den nötigen Abstand zum Zweirad, aus ganz pragmatischen Gründen: Oliver Bundschuh braucht plötzlich viel Zeit zum Restaurieren. "Ich habe den Käfer zu 90 Prozent neu aufgebaut", sagt er im Rückblick. Brauchbare Teile an diesem Oldtimer sind damals überschaubar.

Längst ist das Käfer Cabrio komplett "und in einem Top-Zustand", wie er sagt. Viele Urlaubsreisen muss der Oldtimer überstehen und dabei einen 77er-Eriba Wohnwagen ziehen. Vor allem bei Passfahrten kommt ein 1302 wie die Nerven nachfolgender Fahrer an die Grenzen. Von Tempo kann nicht mehr die Rede sein.

Zeit für neue Überlegungen, auch Ehefrau Andrea Bundschuh würde gerne etwas komfortabler und vor allem sicherer reisen. Aber im Oldtimer. Ein Volvo ist dafür nicht die schlechteste Wahl. Seit drei Jahren steht ein gepflegter Volvo 121 in der Garage der Familie Bundschuh in Walkersbach bei Lorch – natürlich mit Anhängerkupplung.

Der Wagen aus dem Jahr 1968 ist fast zum Alltagsauto geworden. Oliver Bundschuh fährt damit, so oft es geht. Nicht nur kurze Strecken. Mit dem Wohnwagen am Haken stehen die Vogesen auf dem Tourplan, aber auch das Allgäu. Letzteres Ziel bleibt besonders in Erinnerung: Tagelanger Starkregen kann dem Fortbewegungsdrang des Volvo nichts anhaben, wohl aber der Karosserie. Im Fußraum steht das Wasser, "vielleicht durch einen undichten Scheibengummi eingedrungen", vermutet er.

Zollgewinde aus Schweden

Davon lassen sich die Oldtimer-Freunde nicht zurückschrecken. 12 000 Kilometer sind Oliver und Andrea Bundschuh damit schon gefahren und bei kleineren Zwischenfällen kommen die Schrauber-Erfahrungen des Besitzers zugute. Eine gelöste Backe an der hinteren Trommelbremse lässt ihn unterwegs ebenso wenig stranden wie eine nicht ganz perfekte Benzinpumpe. Als der Volvo nicht mehr will, genügt etwas Benzin direkt in den Vergaser für den Neustart. Was er bei dieser Gelegenheit lernt: Volvo verwendet damals bei Schrauben nicht das metrische System, sondern hat Zollgewinde. Da kommt erst einmal neues Werkzeug ins Haus, um Schrauben nicht schon beim Öffnen zu zerstören. Oliver Bundschuh ist darüber nicht unglücklich, sondern schätzt die alte Mechanik, die wirklich noch gut zu reparieren ist. Er würde sich eher von Neuwagen mit unkalkulierbarer Elektronik scheuen.

Der gut erhaltene Innenraum lässt eher auf 90 000 km schließen.

Oliver Bundschuh Oldtimer-Liebhaber

Davon hat ein Volvo 121 recht wenig. Licht und Zündung, das war‘s dann schon. Beim Produktionsstart im Jahr 1956 zählen andere Qualitäten. Der großzügige Innenraum, das gutmütige Fahrwerk, die Unfallsicherheit. Bei ersten Crashtests macht er eine gute Figur und begründet den Mythos der sicheren Volvos. Nach dem Buckelvolvo 544 ist es der erste mit selbsttragender Karosserie und auch der erste mit Dreipunkt-Sicherheitsgurten.

Damals hoch im Preis

Vor Garagen in gut situierten Wohnstraßen in Deutschland steht der Volvo 121 dennoch eher selten. Das liegt auch an seinem Neupreis von 9700 Mark. Der Grundpreis für einen Opel Rekord liegt 3000 Mark tiefer. Und selbst ein Ponton-Mercedes 180, Konkurrent in den ersten Produktionsjahren der Volvo Amazon, ist billiger. Das weiße Exemplar der Familie Bundschuh kommt aus erster Hand, als es eine junge Frau in München übernimmt. Während ihres Aufenthalts in Berlin lässt sie den Wagen in einem renommierten Unternehmen von Grund auf richten. Heute weiß Oliver Bundschuh, dass Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander liegen. "Im Detail lieblos zusammengebaut", sagt er und verweist auf fehlende Gummiunterlagen etwa an den Türgriffen, auf mangelhafte Schweißarbeiten oder Perfektion im Detail – siehe Bremsbacken.

Dafür steht der zweite Lack – weiß mit schwarzem Dach – der Volvo Amazon bestens. Und was an Mängeln vorliegt, wird im Lauf der Jahre beseitigt. "An erster Stelle steht das Fahren, das Auto soll uns im Alltag begleiten", sagt er. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob der Wagen nun 90 000 oder 190 000 Kilometer abgespult hat. "Der gut erhaltene Innenraum lässt eher auf 90 000 Kilometer schließen", meint Bundschuh. Dafür spricht auch die aus dem Original-Serviceheft hervorgehende Tatsache, dass das Auto in den ersten zehn Jahren bis 1978 lediglich 10 000 Kilometer gesammelt hat. Nachweisen lässt sich die Herkunft von Motor und Getriebe, beide sind noch original, in Fachkreisen heißt das "matching numbers”.

Daran denken Andrea und Oliver Bundschuh aber nicht, wenn sie auf große Reise gehen. Mit Freunden aus dem Club "Freunde Historischer Fahrkultur" (FHF) ist fürs nächste Jahr eine Tour nach Barcelona geplant – mit Wohnwagen versteht sich. Und mit dem guten Gefühl, ein Auto immer selbst reparieren zu können.

Ausflüge in der Umgebung, aber auch große Fahrten sind für den Volvo kein Problem.
Der Volvo 121 ist für Oliver Bundschuh ein perfektes Reisemobil.
Im Innenraum sieht man die 1960er-Jahre.
Standfest ist dieser Motor mit 1,8 Litern Hubraum.
Perfekter Lack und hübsche Rundungen: Der Volvo 121 aus dem Jahr 1968.

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