Von der Ausplünderung bis zur Auslöschung

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VHS Ausstellung Ausgrenzung....
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In der Gmünder VHS ist auf 36 Tafeln zu sehen, wie die Ausgrenzung der Juden im Dritten Reich in Raub übergeht und in der Vernichtung endet.

Schwäbisch Gmünd

Der Holocaust ist ein Thema, mit dem niemand fertig werden kann, der nicht die Augen vor der Perfidie und dem Ausmaß des Verbrechens verschließt, dies verdeutlicht die Wanderausstellung „Ausgrenzung - Raub - Vernichtung: NS-Akteure und ,Volksgemeinschaft‘ gegen die Juden in Württemberg und Hohenzollern 1933 - 1945“. Am Donnerstag wurde die Schau in der Gmünder VHS eröffnet, ein von Stadt und VHS bewusst gewähltes Datum, denn seit 1997 wird am 27. Januar an die Befreiung von Auschwitz erinnert, die sich 2022 zum 77. Mal jährt. Auch Gmünd lasse den Tag „nicht einfach vorbeiziehen“, sondern gebe ein sichtbares Statement ab, begrüßte Oberbürgermeister Richard Arnold knapp 50 Zuhörer im VHS-Saal.

In die Ausstellung führte Dr. Martin Ulmer ein, Geschäftsführer des als Verein organisierten Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb. In einem totalitären System habe das Individuum keinen Handlungsspielraum, versuchten viele nach dem Krieg Schuld von sich zu schieben und sich reinzuwaschen. Ulmer und mit ihm ein großes Forschungsteam kommen zu einem anderen Ergebnis: Der Antisemitismus im Dritten Reich habe auf einem starken Prozess von unten basiert. Boykotte und anderer „Aktionssemitismus“ sieht er als Katalysator, der die Politik radikalisierte – „die politische Botschaft solcher Schikanen wurden verstanden“.

Als Beispiele führt er lokale Initiativen an, etwa ein Freibad-Verbot 1933 für Juden in Tübingen, das nicht von oben vorgegeben war. In Württemberg waren zahlreiche Akteure an der Existenzvernichtung der Juden beteiligt: NSDAP, Kommunen, Finanz- und Landesverwaltungen, Gestapo, Wirtschaftsverbände, Industrie- und Handelskammern, private Firmen „und viele Bürger konnten sich in hohem Maße bereichern“. Was das NS-System angesichts eines hohen Haushaltsdefizits intendiert: „eine gigantische völkische Vermögensumschichtung“. In ihr sieht der Wissenschaftler einen der wichtigsten Antriebe für die Entrechtung der Juden und dafür, dass ihnen die Existenzgrundlage ab 1933 immer mehr entzogen wird, bis es zur finalen Vernichtung kommt.

Seinen wissenschaftlichen Ansatz bezeichnet Ulmer als multiperspektivisch. Haupttäter werden ebenso in den Blick genommen wie kleine Profiteure, die bei Versteigerungen von jüdischem Besitz auf Schnäppchenjagd gingen. Ein anderes Kaliber war der gefürchtete Leiter der Stuttgarter Devisenstelle, Ernst Niemann, der systematisch Juden schikaniert habe. Mit der Devisenbewirtschaftung gelang es den Nazis kriegswichtige Rohstoffe zu beschaffen. Städte und Gemeinden wiederum schielten auf die Immobilien von Juden. „Auch sie haben ihren Handlungsspielraum in vielen Fällen zulasten der Juden genutzt“, erklärt Ulmer.

Eine ganz dunkle Phase der völligen Entrechtung beginne 1941, als die Nazis alle verbliebenen Juden in Vernichtungslager deportieren, darunter auch 30 Gmünder Jüdinnen und Juden. „Die Gestapo und die Finanzämter beschlagnahmten nun alles und versteigerten es meistbietend an die Bevölkerung.“ Nach 1945 sei davon kaum etwas restituiert worden. Überhaupt, so schätzt Ulmer, sei nur ein Drittel dessen, was den Juden entrissen wurde, tatsächlich entschädigt worden. Für das Deutschland nach dem Krieg sieht er in diesen Werten, Grundstücke, Aktien und andere Vermögenswerte, eine enorme Starthilfe.

Es war eine gigantische völkische Vermögensumschichtung.“

Martin Ulmer,
  • Mehr im Begleitband und im Internet
  • Die Ausstellung ist zu den üblichen VHS-Öffnungszeiten zu sehen. Ein reich bebilderte Begleitband mit 570 Seiten kann bei der Landeszentrale für politische Bildung für 18 Euro bestellt werden. Außerdem können die 36 Tafeln auch auf der Internetseite www.landesarchiv-bw.de aufgerufen werden.
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