Von der Schuld auf beiden Seiten

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Der tschechische Germanist Jan Capek zeigt, wie schwierig es für die 1918 neu gegründete Tschechoslowakei mit sieben verschiedenen Nationen war.

Schwäbisch Gmünd

Brücke nach Osten“ nennt sich der Gmünder Verein, der seit fünf Jahren die gemeinsame Geschichte mit den östlichen Nachbarländern aufarbeitet. Aufeinander zugehen und die Zukunft gemeinsam gestalten seien die Leitthemen, erklärte Dieter Mitrenga, stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Er begrüßte Dr. Jan Capek von der Universität Pardubice im Hörsaal 1 der Pädagogischen Hochschule, der über das Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen in der neueren Geschichte sprach. Ein Thema, das gerade für Schwäbisch Gmünd besonders relevant ist: 1946 seien in der Stadt mit ihren damals rund 22 000 Einwohnern 16 640 heimatvertriebene Sudetendeutsche angekommen, ein Großteil habe sich im Gmünder Raum angesiedelt, erläuterte Mitrenga.

Wie konnte es dazu kommen, dass eine Volksgruppe aus ihrer Heimat ausgewiesen wird, die seit Jahrhunderten das Sudetenland besiedelte, innovative Technologien mitbrachte und einst von den böhmischen Königen in relativ menschenleere Landstriche geholt worden war?

„Die Schuld ist auf beiden Seiten“, wies Capek auf die vielen Schwierigkeiten hin, die mit dem entstehenden Nationalismus auf beiden Seiten aufkamen. Er ging auf die Staatsgründung der Tschechoslowakei 1918 ein, nachdem die Habsburger Monarchie untergegangen war. Allein schon im Namen zeige sich ein Fehler: Obwohl die Deutschen mit drei Millionen Menschen die zweitgrößte Nationalität stellten, noch vor den Slowaken mit rund zwei Millionen Menschen, kamen sie im Namen nicht vor. Von der Donaumonarchie habe die Tschechoslowakei mit ihren sieben Nationen das Problem eines Vielvölkerstaates geerbt.

Kühne und tapfere Idee

Die Idee einer totalen Selbstständigkeit bezeichnete der Germanist als kühne und tapfere Idee, doch es sei angesichts der tiefen inneren Probleme gleich zu deutsch-tschechischen Konflikten gekommen. „Ein bisschen Stolz, ein bisschen Hochmut, ein bisschen Rache, es war alles dabei.“

Die deutsche Minderheit habe sich nicht mit der neuen tschechoslowakischen Republik identifizieren können, weshalb Capek sie als „die Unglücklichen“ der ersten Republik bezeichnete. Doch auch die Slowaken, denen man eine gewisse Autonomie versprochen habe, seien herabgestuft worden. „Für sie war die Staatsgründung eine Übernahme.“ Capek sah in der Wiedervereinigung einen parallel gelagerten Fall: „War es eine Fusion oder eine Übernahme?“

Der Staat versagt

Der Staat habe ziemlich versagt, da Staatsaufträge vor allem an Tschechen gegangen seien und deutsche Firmen weniger Unterstützung bekamen. Hinzu kamen sprachliche Hürden für die Deutschen, weil Tschechisch Behördensprache wurde. Es folgte die Annexion und versuchte Germanisierung des jungen Staates durch Hitler-Deutschland, eine Zeit, auf die Capek nur wenig einging.

Abschiebung oder Vertreibung

Nach der deutschen Niederlage drehte sich der Spieß um, und die Deutschen wurden „auf brutale Art und Weise vertrieben, das ist ohne Frage“, erklärte Capek. Die Beneš-Dekrete machten den Weg frei, auch für wilde Vertreibungen.

Der Referent ging auf linguistische Unterschiede ein: In totalitären tschechischen Schulbüchern habe man von „Abschiebung“ gesprochen, in der DDR von „Umsiedlung“, in Deutschland immer von „Vertreibung“. Erst seit es demokratische Lehrwerke gebe, werde das Geschehen objektiver und mit mehr Empathie beschrieben und würden die tschechischen Gräueltaten benannt.

„Große Völker haben große Verbrechen begangen, uns kleinen Völkern fällt es schwer, uns die eigenen Verbrechen einzugestehen“, sieht Capek nach wie vor Verhaltenheit auf tschechischer Seite. Auch Politiker bräuchten großen Mut. Der letzte, der sich offen geäußert habe, sei Vaclav Havel gewesen.

Trotz allem: Betrachte man die ganze Geschichte, habe man heute so gute Beziehungen wie noch nie, resümierte der Referent und wünschte am Ende: „Bleiben sie neugierig und zahlungsfähig“, womit er die wirtschaftlichen Verflechtungen und die Abhängigkeit Tschechiens von der deutschen Wirtschaft ansprach.

Ein bisschen Stolz, ein bisschen Hochmut, ein bisschen Rache, es war alles dabei.

Jan Capek,, Germanist

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