Von Morddrohung bis Miteinander

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Auch die Pflege und Betreuung von Senioren gehört inzwischen zu den Aufgaben der Stiftung.
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Vor genau 50 Jahren wurde die Stiftung Haus Lindenhof gegründet. Ihre Tätigkeit reicht inzwischen weit über die Behindertenarbeit hinaus.

Schwäbisch Gmünd

Zwischen Morddrohung und Miteinander liegt die große Spannbreite dessen, was rund um die tSiftung Haus Lindenhof geschehen ist. Exakt an diesem 30. April vor 50 Jahren wurde sie gegründet.

Clemens Beil, lange Jahre für die Pressearbeit der Siftung verantwortlich, hat die Geschichte der Stiftung aufgearbeitet. Sie nimmt ihren Lauf 1968, als das Land Baden-Württemberg feststellt, dass rund 2500 Heimplätze für geistig behinderte Menschen fehlen, vor allem im Norden des Landes. Der Träger einer solchen Einrichtung soll katholisch sein, nachdem es Heime evangelischer Träger in anderen Landesteilen schon gibt. Also gründen die Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Caritas eine Stiftung als Träger. Doch wo das Heim stehen soll, ist noch völlig unklar. Im Gespräch ist unter anderem Neuhausen/Fildern, das allerdings die Ansiedlung einer Behinderteneinrichtung brüsk ablehnt, wie Clemens Beil in den Unterlagen nachlesen konnte. Auch Sindelfingen habe auf eine Anfrage geantwortet, dass sich das Image einer solchen Einrichtung nicht mit den dort vertretenen Konzernen vertrage. So schwenkt der suchende Blick auf den östlichen Landesteil und auf den Raum Schwäbisch Gmünd, wo es immerhin schon ein Institut für soziale Berufe und eine Pädagogische Hochschule gibt. Doch auch hier ist es nicht einfach. Der Schirenhof, ebenfalls eine Option, kommt nicht zustande. Oder Waldau, wenige Kilometer nördlich von Gmünd? Der Gemeinderat Großdeinbach hätte das zu entscheiden - und lehnt klar ab. Für Wirbel in der Presse sorgt damals, dass einem Gemeinderatsmitglied sogar mit Mord gedroht worden sein soll, falls er zustimme. Gmünd dagegen zeigt sich einverstanden, versichert der damalige Oberbürgermeister Dr. Norbert Schoch. Mit dem Bauernhof Lindenhof in Bettringen findet die Stiftung einen Standort und zugleich einen Namen.

Grundlegend geändert

Inzwischen, erinnert sich Clemens Beil zurückblickend, hat sich die Akzeptanz grundlegend geändert. Die Stiftung betreibt 68 Einrichtungen in den Landkreisen Ostalb, Heidenheim und Göppingen und habe bei Neuansiedlungen nicht mehr mit Einsprüchen oder Widerständen zu kämpfen.

Doch in jenen Jahren war es mit der Akzeptanz behinderter Menschen im Stadtbild noch nicht so weit her. Ältere Mitarbeiter können Beil berichten, dass es vorgekommen ist, dass eine Gruppe Behinderter aufgefordert wurde, ein Café zu verlassen. Seinerzeit war eine Anlage mit rund 900 Plätzen auf dem Lindenhof vorgesehen, hat Beil recherchiert. Doch schon bevor 1976 die ersten Gebäude eingeweiht wurden, hat ein Umdenken begonnen. „Von der Fürsorge zur Selbstbestimmung“, beschreibt Georg Letzgus, der von 1977 bis 2005 Vorstand der Stiftung war, diesen Umschwung. 1985 gibt es erste Planungen für kleinere dezentrale Häuser in Ellwangen, Heubach und Gmünd. Das „Konzept Anstalt“ wird aufgegeben, wie es Clemens Beil im Begleittext zu einer Jubiläums-Ausstellung formuliert. Dass Menschen mit Behinderung ebenso „mittendrin“ leben wollen, bekräftigen sie auch in einer Zukunftswerkstatt im Jahr 2000, in der Ideen für kleinere Wohngemeinschaften und neue Wohnformen entstehen. „Inklusion und Teilhabe werden gefördert“, fasst es Beils Nachfolgerin im Amt der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Katharina Stumpf zusammen.

Wird es also die zentrale Anlage mit ihren vielen Betongebäuden in absehbarer Zeit nicht mehr geben? „Den Lindenhof wird's auch weiter geben“, meint Clemens Beil. Es gebe durchaus Menschen mit Behinderung, die nicht damit zurecht kämen, beim Schritt vor die Haustür auf einer belebten Straße zu stehen.

Daneben bringt die Stiftung ihre Expertise in Sachen Pflege in einem weiteren Bereich ein. Als sich abzeichnet, dass aus Altenheimen zunehmend Altenpflegeheime werden, übertragen verschiedene Träger ihre Heime an Haus Lindenhof, schildert Katharina Stumpf. Aus diesem Grund, so Clemens Beil, übertrugen zum Beispiel die Franziskanerinnen von Sießen die Einrichtung St. Ludwig an der Uferstraße mitten in Gmünd an die Stiftung. Hinzu kommt, dass immer mehr Gemeinden bestrebt sind, ihren älteren Bürgern einen Seniorenheimplatz vor Ort bieten zu können. Die Stiftung baut und betreibt solche Heime - allerdings mit dem Anspruch, dass sie „zwischen Rathaus und Kirche“ plaziert werden: mittendrin im Ort, nicht auf der Grünen Wiese.

Mit dem Anspruch „mittendrin“, der inzwischen zum Auftritt der Stiftung gehört, sieht Clemens Beil einen weiteren Arbeitsbereich als logische Fortsetzung: die Quartiersarbeit, die Haus indenhof zum Beispiel in Waldstetten übernommen hat. „Wir stärken ehrenamtliche Netzwerke und organisieren die sorgende Gemeinschaft“, beschreibt Beil. Ein ganz neuer Bereich sei auch das Café „Bunter Hund“, das mit behinderten Angestellten betrieben wird - im Buhlgässle, mittendrin in Gmünd. Katharina Stumpf verweist außerdem auf das Kompetenzzentrum Arbeit. Und sie ist überzeugt, dass auch weiterhin neue Arbeitsbereiche auf Haus Lindenhof zukommen werden. Clemens Beil: „Die Stiftung hat eine spannende Zukunft.“

Zum Jubiläum möchte die Stiftung etwas Neues bauen: die Franziskuskapelle. Sie soll den Behinderten den Besuch von Gottesdiensten erleichtern, aber auch offen sein für alle. Wer das Vorhaben unterstützen möchte, kann spenden an: Stiftung Haus Lindenhof, IBAN: DE62 6145 0050 1000 2748 97, Stichwort: Geburtstagsspende Franziskus Kapelle.

Nicht überall mit offenen Armen empfangen.“

Georg Letzgus,, Stiftungsvorstand i. R.

Homepage mit Antworten zum Jubiläum

. Zum 50-jährigen Bestehen der Stiftung Haus Lindenhof startet pünktlich zum Gründungstermin am 30. April die Jubiläumshomepage der Stiftung. Vorstand Prof. Dr. Wolfgang Wasel freut sich auf die digitale Möglichkeit, die Höhepunkte der letzten 50 Jahre auch online nachvollziehen zu können. Die Arbeit der Stiftung steht unter dem Claim „selbst.bestimmt.leben.“. Zum Jubiläum wurden Politiker, Personen aus Kirche und Gesellschaft, aber auch Mitarbeitende und Bewohner gefraget: Was heißt selbst.bestimmt.leben. für dich? Die Antworten sind zu finden auf www.haus-lindenhof.de/jubilaeum. Zudem ist am 10. Oktober ein Festakt in kleinem Rahmen auf dem Lindenhof-Gelände in Bettringen geplant, an dem Bischof Dr. Gebhard Fürst den Festgottesdienst zelebrieren und den Grundstein für die neue Franzisku- Kapelle legen wird.

Ein Blick auf den Neubau des Behindertenzentrums zwischen Bettringen und Weiler.
Die Förderung behinderter Menschen in Schule, Arbeit und Leben war das zentrale Anliegen, als die Stiftung Haus Lindenhof vor genau 50 Jahren gegründet wurde.

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