Von Sündern und pfiffigen Medizinern

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Auf der Stadtführung „Wenn Steine reden könnten...“ erfahren Teilnehmende so manch interessante Anekdote von Gästeführer Günter Haußmann (r.).
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it dem Gästeführer Günter Haußmann durch die Historie der Stauferstadt Schwäbisch Gmünd.

Schwäbisch Gmünd

Das Mittelalter wird in der heutigen Zeit gern durch die romantische Brille betrachtet. Was sich aber tatsächlich abspielte, zeigen Aufschriebe und Dokumente. Und da muss die romantische Brille schnell abgelegt werden. Viele Anekdoten zur Historie der Stauferstadt, gibt Gästeführer Günter Haußmann bei der Stadtführung „Wenn die Steine reden könnten“ zum Besten. Dabei legt er den Fokus nicht auf die Gemäuer, sondern auf die Persönlichkeiten.

Da erzählt Haußmann von den Passionsspielen, die einst auf dem Platz vor dem Portal des Münsters aufgeführt worden waren. Wie deren Kulisse aussah, veranschaulicht er anhand einer Zeichnung aus den Chroniken des Dominikus Debler. Auch geht’s um die Hexenverfolgung, in deren Zug in Schwäbisch Gmünd 52 Frauen und Männer auf dem Scheiterhaufen landeten. Die Verfolgung startete einst 1613, ausgelöst durch ein verheerendes Unwetter.

Wer nicht spurte, galt als Sünder

Undenkbar, dass im Mittelalter eine Demonstration stattgefunden hätte. Das Volk war meist geknechtet. Und wer sich nicht an die Vorgaben hielt, galt als Sünder. Da wurde als Zeichen einfach die Haartracht durch Kahlschlag per Rasur entfernt, und der Besuch einer Kirche, etwa der Johanniskirche, blieb verwehrt. Bis der Glatzkopf schließlich wieder durch die „Erlöserpforte“ treten durfte. Diese wird beim Stadtrundgang betrachtet. Raue Sitten allemal. Der Gästeführer deutet bei dieser Anekdote auf den bearbeiteten Stein an der Südseite der Johanniskirche, die einen Mann mit kahlem Kopf zeigt, der von einer Schere umrahmt ist.

Haußmann erzählt zudem von der Türmerin des Johannisturms, die 1912 in einem anonymen Schreiben der „Hurerei“ in ihrer 11,5 Quadratmeter großen „Wohnung“ im Turm bezichtigt wurde. Nachforschungen ergaben allerdings, dass es die üble Verleumdung eines Uhrenmachers war, da er selbst wegen Tierquälerei von der Türmerin angezeigt worden war.

„Es hat sich nichts geändert“

Haußmann streift während des Spaziergangs durch die Gmünder Historie auch den verheerenden Brand 1793, ausgelöst durch einen unvorsichtigen Gasthausbesucher. Ein ganzes Stadtquartier wurde so ausgelöscht. Die heutige „Brandstatt“. Oder er erklärt im Spitalinnenhof, wie im 13. Jahrhundert eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den Alten herrschte. „Es hat sich nichts geändert“, bemerkt er lakonisch, dass die betuchten Senioren damals im Pfründerwesen ihr Hab und Gut den Spitalbrüdern vermachten, und bis zu ihrem Ableben bei ihnen im Spital quasi Luxus genossen. Allein zehn Laib Brot pro Woche war hier für ein Ehepaar bestimmt. Hingegen die Armen, die im anderen Trakt lebten, mussten für ihren Unterhalt betteln gehen. Durch Stiftungen und Schenkungen sowie Erbschaften erfreuten sich die Spitalbrüder stetig wachsenden Reichtums. Es gab aber auch eine Auflage für die reichen Senioren: Wer seinen Lebenspartner verlor, durfte nicht mehr heiraten. Grund: Die Spitalbrüder wollten erben. Ein entsprechender Vertrag musste beim Einzug unterzeichnet werden.

„Gestreckte“ Edelmetalle

Heute kaum mehr vorstellbar, schildert der Gästeführer, wie einst ein Bach über den Marktplatz lief und die Spitalmühle antrieb. Oder die Gäste erfahren, dass es einst fünf Klöster in Gmünd gab. Und er beschreibt, wie 24 Türme entlang der Stadtmauer für Weitsicht sorgten. Heute gibt es derer nur noch sechs. Interessant auch die Geschichte, wie einst die Silberschmiede der Stadt ihr Säckel aufbessern wollten und das Silber „streckten“. Klar, dass es da um den guten Ruf geschehen war. Aber sie wussten sich nicht anders zu helfen, schließlich kassierten die großen Handelsfamilien, etwa die Deblers, am meisten ein. Station wird auch beim Schwörhaus gemacht, das 1380 erbaut wurde und eine bewegte Geschichte hat. Nach einem Brand war es zwischen 1589 und 1599 wieder aufgebaut worden. Und es waren übrigens die Sensenschmiede, die der Stadt im Mittelalter das größte Einkommen bescherten.

Mensch lebendig begraben

Als guter Mediziner präsentierte sich ein Dr. Joseph Kehringer, der einst eine Gmünder Ratstochter heiratete. Nachdem in Kirchenkirnberg bei Gschwend ein Mensch aus versehen lebendig begraben worden war, führte der Arzt die offizielle Leichenschau in Gmünd ein, so Haußmann. Einen guten Namen machte er sich aber auch, weil er eine Seuche in der Stauferstadt bekämpfen konnte. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Kaffeeberg zu seinem Namen kam. Denn dort pflanzte der Mediziner Kaffee an. Außerdem soll er in Bayern Hopfenpflanzen gestohlen haben, um diese in Gmünd anzubauen. Und es wird ihm Humor nachgesagt: Als die durch ein Unwetter angeschwollene Rems sein Gartenhäusle mitriss, empfahl er laut Überlieferung seinem Diener, auch den Schlüssel in die Rems zu werfen. Grund: „Damit die in Schorndorf dann die Tür öffnen können.“

Mit Günter Haußmann geht’s im Plauderton durch die Stadt und somit durch Gmünds bewegte Geschichte.

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