Warum eigentlich nicht Bettringen Nordwest 2.0? 

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In diesem Jahr 50 Jahre alt: Die Hochhaus-Siedlung in Bettringen Nordwest.
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Immer weniger Grün, mehr Straßen und Beton – der Flächenfraß soll endlich weniger werden. Kann der Bau von Hochhäusern eine Antwort sein?

Schwäbisch Gmünd

Gut 160 Hektar Grünland könnten in Gmünd bis 2035 neu bebaut werden.  Rund 60 Hektar davon sind für Wohnbebauung vorgesehen, das entspricht fast 100 Fußballfeldern. Der Flächenverbrauch soll weiter gehen, wenn auch langsamer als bisher. Warum greift man, um Platz zu sparen, nicht auf eine scheinbar naheliegende Lösung – und baut in die Höhe? Warum nicht Bettringen Nordwest 2.0? Eine Spurensuche. 

Die Idee: Bettringen Nordwest, Gmünds größte Hochhaussiedlung, wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Die markanten Gebäude dort sind heute Teil der Baugeschichte, Hochhäuser spiegeln Zeitgeist wider: In den 60er- und 70er-Jahren sollten sie der Weg in die Wohnzukunft sein. Verdichtetes, urbanes Wohnen – aber mit mehr Licht und Grün als in den historischen Innenstädten. Das Auto schien damals das unumstrittene Verkehrsmittel der Zukunft: „Man hat blauäugig aufs Auto gesetzt, deshalb wurden an Infrastrukturachsen Hochhaussiedlungen gebaut“, erzählt Gmünds Baubürgermeister Julius Mihm. „Bettringen Nordwest ist eine der letzten Zuckungen dieses Trends.“

Die Nachfrage: Die Hochhaus-Idee der Stadtplaner hat es nicht geschafft, eine begehrte Wohnform zu werden. Liebling der Deutschen ist seit langem das Einfamilienhaus. „Es gibt eine  Individualisierungstendenz der Bevölkerung, das dürfen wir nicht ignorieren“, sagt Mihm. Also weist die Stadt Gmünd seit Jahrzehnten Neubaugebiet um Neubaugebiet aus, weil die Nachfrage nach dem Erfolgsmodell „EFH“ nicht nachlässt. Mihm: „Vor zehn Jahren hieß es sogar vom Doppel- und Reihenhaus: Das läuft nicht.“ Das habe sich geändert, ein Grund dürften die stark gestiegenen Baupreise sein. Das Hochhaus als Wohnform war auch deshalb erledigt, weil es am Ende nicht begehrt war: „Dann leben da eben Leute, die da wohnen müssen - aber nicht, weil sie da wohnen wollen.“ Mit Folgen: „Hochhaussiedlungen führen zu sozialen Milieus, die Probleme erzeugen können.“

Eine Neubelebung? „Hochhäuser waren von der Bildfläche verschwunden, in den Nullerjahren ist das Thema wieder hochgekommen“, sagt Julius Mihm. Die Wiederbelebung geschah in Metropolen. In Fellbach hat es aber nicht funktioniert: Der 107 Meter hohe „Schwabenlandtower“ -  Baubeginn 2014 – steht acht Jahre später wie eine Investitionsruine in der Landschaft: Die Gebäudehülle ist fertig, aber es wohnt niemand drin. „In den obereren Etagen sind noch nicht einmal Fenster“, sagt Mihm. Der Plan des Investors, dort 66 Luxus-Appartements zu verkaufen, ist  nicht aufgegangen. Nach neuesten Plänen soll der Tower in dreimal so viele, kleinere Mietwohnungen aufgeteilt werden.  Einige Orte gibt es aber, wo Hochhausbau zu Wohnzwecken auch heute erfolgreich ist: in Berlin direkt an der Spree oder in London am Themseufer. 

Kein Nordwest 2.0: In Gmünd wird es ein Comeback fürs Hochhaus wohl nicht geben. „Da bin ich skeptisch“, sagt der Baubürgermeister, es sei „keine Antwort“ auf den Flächenverbrauch. Es gibt einige Gründe, soziale wie bautechnische, die heute gegen Hochhäuser sprechen. „Das Hochhaus kommt aus einer Zeit, in der wir ein sehr egalitäres Gesellschaftsmodell hatten.“ Von Hochhäusern sprechen die Fachleute ab einer Geschossebene von 21 Metern – ab da gelten strengere Brandschutzvorschriften. „Und das macht es ziemlich teuer“, sagt Mihm. Zudem sieht die deutsche „Baunutzungsverordnung“ vor, hohen Häusern viel Platz und Licht zu lassen. Dann gibt es da zwar Grün, aber landwirtschaftliche oder Naturflächen sind trotzdem verloren.  

Gibt es andere Lösungen? In moderatem Umfang höher bauen als bisher ist eine Möglichkeit, die in Gmünd praktiziert wird: „Im Fehrlegarten wird es auch sieben Geschosse geben“, sagt Julius Mihm.   Der Baubürgermeister plädiert dafür, auch an Alternativen zum klassischen So-macht-man-das-eben-Einfamilienhaus zu denken. „Wieso muss man ums Haus herumlaufen können?“ Den Gang in den Baumarkt, um sich rund ums EFH mit Sichtschutz auszurüsten, könnten so genannte Hofhäuser überflüssig machen. „So etwas zu wagen, das wäre eine typische Aufgabe für die VGW“, sagt Mihm. In Hofhäusern hat man seinen privaten Freibereich als Innenhof – ein Konzept, das es in Altstädten seit Jahrhunderten gibt. Und dort gab's immer auch Plätze, um sich mit anderen zu treffen. Auch das könnte ein Zukunftskonzept sein, um weniger Platz zu verbrauchen: Gemeinschaftsorte für eine Reihe von Bewohnern schaffen. Es muss ja nicht gleich so ausufernd sein wie im bautechnisch experimentierfreudigen Wien, wo es große genossenschaftliche Wohnprojekte gibt mit einer besonderen Dachterrasse – mit Gemeinschaftspool in der Mitte. 

Bettringen Nordwest ist eine der letzten Zuckungen dieses Trends.“

Julius Mihm,, Baubürgermeister

Das größte Hochhausin Gmünd

15 Stockwerke hoch, mit 279 Zimmern. Das Wohnhaus für Studierende der PH Gmünd steht in Bettringen Nordwest in der Neißestraße 20. Es wird vom Studierendenwerk Ulm verwaltet. 

Im Überblick: Das Klingelschild am Wohnhaus für Studierende der PH Gmünd.

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