Warum Jugendliche anders unter Coronaauflagen leiden

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Senem Özcelik ist seit über einem Jahr am Corona-Phone für Kinder und Jugendliche da.
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Mit welchen Problemen Kinder und Jugendliche sich bei Senem Özcelik vom Gmünder Amt für Familie und Soziales melden.

Schwäbisch Gmünd

Corona nervt alle“, sagt Senem Özcelik vom Gmünder Amt für Familie und Soziales. Doch Jugendliche leiden noch mal ganz anders unter der Situation als Erwachsene, berichtet die Sozialpädagogin. Sie muss es wissen: Seit April 2020 ist sie am Corona-Phone Ansprechpartnerin für die Anliegen von Kindern und Jugendlichen. Fünf bis zehn Anrufe kommen in der Woche im Schnitt bei ihr an, manchmal auch mehr. Die meisten Anrufer wurden über das Banner an der Jugendmeile am Bahnhof mit der Aufschrift „Corona-Phone 0176/17071518“ auf das Angebot aufmerksam. Oder über die vielen Flyer, die das Team für „Offene Kinder- und Jugendarbeit“ an Familien verschickt sowie in Bezirksämtern und etlichen Geschäften ausgelegt hat.

Der Großteil der Anrufer seien Teenager und junge Leute ab 13, 14 bis 22 oder 23 Jahren. Viele meldeten sich, weil sie wegen des Verstoßes gegen Coronaauflagen Bußgelder bezahlen müssen. Etwa, weil sie zu dritt an der Bushaltestelle gewartet haben, als sich nur Leute aus zwei Haushalten treffen durften. „Da machen wir dann auch Rechtsberatung“, erzählt Senem Özcelik, die schon etliche Widersprüche formuliert hat. Manchmal mit Erfolg, manchmal konnte sie aber auch erwirken, dass die Jugendlichen das Bußgeld in Raten zahlen durften. Mehrere hundert Euro pro Person wegen des Verstoßes gegen die Kontaktbeschränkungen – das ist für Schüler oder Auszubildende schon extrem viel, weiß die Sozialpädagogin.

Die Probleme, wegen denen sich Jugendliche bei ihr melden, seien sehr unterschiedlich. Oft hört sie, dass Schüler mit dem Homeschooling nicht zurechtkommen. Bei manchen fehle es an einer stabilen Internetverbindung, bei anderem an technischen Geräten oder an Motivation. So hat Senem Özcelik auch schon im eigenen Bekanntenkreis Laptops organisiert. Zudem bieten sie und ihre Kollegen Nachhilfe an. Eine Eins-zu-eins-Betreuung im Jugendhaus und in den Jugendräumen sei zum Glück immer möglich gewesen.

Sie schlage den Jugendlichen bei den Telefonaten gerne vor, sich zu treffen, spazieren oder Eis essen zu gehen. Denn von Angesicht zu Angesicht lasse sich besser eine persönliche Beziehung aufbauen. Und die Jugendlichen plaudern viel eher darüber, wie es ihnen geht, wie die Situation daheim ist, wie im Freundeskreis, in der Schule oder bei der Arbeit.

Viele Jugendliche plagten Zukunftsängste, erzählt Senem Özcelik. Manche hatten schon eine Zusage für eine Ausbildung, doch der Betrieb habe sich angesichts der angespannten Coronalage doch dagegen entschieden, jemanden einzustellen.

Auch die Impfstoffverteilung sorge für Frust. So habe sich etwa eine junge Frau bei ihr gemeldet, die chronisch krank ist und sich gern impfen lassen würde, aber keinen Termin bekommt. Sie ärgere sich, weil es einige Leute über 60 gebe, die sich weigern, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen und daher den Stoff von Biontech erhalten, der auch für junge Leute empfohlen wird. So bleibe für diese in absehbarer Zeit nichts davon übrig.

Ein „verlorenes Jahr“

Oft höre sie, „uns wird unsere Jugend genommen“, erzählt die Sozialpädagogin, die das gut verstehen kann. Sie sei 46 und habe das Gefühl, wegen Corona „ein verlorenes Jahr“ hinter sich zu haben. Doch sie selbst gehe in der Regel um 22 Uhr ins Bett, lese vielleicht noch ein Buch, sei auch mal froh, ihre Ruhe zu haben. „Wir vergessen oft, dass wir selbst mal Jugendliche waren“, sagt sie. Jugendliche wollen nicht allein sein, sie wollen sich ausprobieren, sich mit Gleichaltrigen treffen. Die Kontaktbeschränkungen sorgten bei vielen für Frust und Langeweile. Bei manchen steige der Alkoholkonsum. So gravierend, dass sie deshalb auf die Suchtberatung oder einen Psychologen verweisen musste, sei es allerdings bisher in keinem Fall gewesen.

Doch sie sei auch schon nachts von einem angetrunkenen Jugendlichen angerufen worden. Sie hatte – wie so oft – das Diensthandy auf ihr Privathandy umgestellt. Das Corona-Phone ist eigentlich montags bis freitags ab 13 bis 21 Uhr besetzt. Doch die Nachfrage sei vor allem ab Donnerstag und am Wochenende groß – und dann auch mal später am Abend.

Wir vergessen oft, dass wir selbst mal Jugendliche waren.“

Senem Özcelik, Amt für Familie und Soziales

Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche

Mit dem Corona-Phone ist die „Offene Kinder- und Jugendarbeit“ unter der Nummer 0176/17071518 montags bis freitags ab 13 bis 21 Uhr erreichbar, oft auch außerhalb dieser Zeiten. Kinder und Jugendliche sowie Eltern, die Probleme bei Kindern und Jugendlichen sehen, können sich mit allen Anliegen melden.

Die Jugendräume und das Gmünder Jugendhaus sollen ab diesem Montag, 7. Juni, wieder öffnen, kündigt Senem Özcelik an. Die Besucherzahl sei allerdings je nach Größe des Raumes begrenzt. Ab zwölf Personen brauchen die Besucher einen negativen Coronatest, erklärt sie. jul

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