Was Berliner von Schwaben lernen

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Eine etwas andere Stadtführung bietet Angela Rosskopf in Schwäbisch Gmünd an. Als schwäbische Putzfrau verkleidet, bietet sie Infos zur schwäbischen Kehrwoche und zum städtischen Schilderwald.

Frau Schwätzle alias Angela Rosskopf nimmt ihre Gäste in Schwäbisch Gmünd wieder mit auf die Kehrwoche und den Schilderwald unter die Lupe.

Schwäbisch Gmünd

Kehrwoch isch immer", hat sich Ernestine Schwätzle als Motto an ihre blaugeblümte Kittelschürze geheftet. Nur logisch also, dass sie nach dem Corona-Lockdown als erste wieder eine Stadtführung anbieten darf. Am Samstagnachmittag war es soweit: Nach rund zwei Monaten führte Gästeführerin Angela Rosskopf, als Putzfrau der 1970er-Jahre kostümiert, wieder eine Gruppe durch die Gmünder Stadtgeschichte, besser gesagt durch den Gmünder Schilderwald. Denn das Ziel ihrer Kehrwoche waren die vielen Schilder, die in Gmünd auf Geschichtliches hinweisen, informieren und Orientierung geben oder für Ordnung sorgen. Ein überaus interessanter Blickwinkel, der viel über die Stadt aussagt, wie die gut eineinhalbstündige Führung bewies.

Doch bevor die Tour beginnt, muss Frau Schwätzle ihr eigenes Metier unter die Lupe nehmen und ein wenig Mentalitätsgeschichte betreiben, durchaus scharfsinnig. Die Kehrwoche sei basisdemokratisch, meint sie, weil jeder an die Reihe komme. Dass manche das Schildle einfach weiterhängen, quittierte sie nur mit einer verächtlichen Erwähnung. Häuslesbesitzer schloss sie kurzerhand aus der Diskussion aus, da sie nicht mitreden können: "Vor dem eigenen Haus kehrt man gern."

Dass die Kehrwoche etwas typisch Schwäbisches ist, haben die 14 Teilnehmer bereits geahnt. Frau Schwätzle weiß es genau: Der Württemberger Graf Eberhard im Bart habe sie 1492 eingeführt, weil es im Stuttgarter Bohnenviertel saumäßig ausgesehen habe. Keinen Zweifel lässt sie darüber aufkommen, dass die Berliner nicht mitgemacht hätten, "das hat nur bei uns funktioniert", zumal der Schwabe das Schaffen erfunden hat. Dafür hat er es aber auch sehr schön und sauber. Auf dem Weg durchs propere Radgässle zum Schwörhaus meint Frau Schwätzle: "Wie geschleckt, da musst du in Berlin weit suchen." Von wegen Schwabenschelte der Berliner, es geht auch umgekehrt. Ins geleckte Bild passen auch die schmucken Blumenrabatten die immer wieder den Weg flankieren. "Für Blumen hammer immer genug Geld", spielt Frau Schwätzle auf die klamme Stadtkasse an. Auch andere Lücken spricht sie an: Fünf Klöster hatte die Stadt bis zur Säkularisierung – "des muss uns erst jemand nachmache" – aber kein eigenes Franziskaner- oder Augustinerbräu und auch kein Salvatorbier mehr, das es einmal gab. In diesem Kontext vermisst die aufgeweckte Putzfrau auch einen Biergarten unten in der Stadt und hat dabei vermutlich einen Platz wie den vor dem Franziskaner vor Augen – als schnöder Parkplatz mitten in der Stadt genutzt.

Dabei sei es gar nicht mehr angesagt, mit eigenem Auto in die Stadt zu fahren, findet sie: "Ma braucht net unbedingt e Auto." Wozu gebe es Busse und Leihautos mitten in der Stadt. Nur bei dem E-Auto vor dem Rathaus sieht sie ein Problem: Ohne Smartphone kommt niemand an die genaueren Infos, wie er das Gefährt ausleihen kann, denn das Schild sei nicht wirklich informativ.

Das hat nur bei uns funktioniert.

Frau Schwätzle über die schwäbische Kehrwoche

Einhorn bitte "nicht füttern"

Wenig Verständnisschwierigkeiten dagegen im Stadtgarten, wo die Gruppe an einem Hinweisschild vorbeikommt, das den Weg zur nächsten Toilette zeigt, nur leider durchgestrichen. Wenn's mal pressiert, nicht gerade angenehm. Auch ein weiteres Schild kritisiert Frau Schwätzle, das sich beim Einhorn befindet: "bitte nicht berühren". Nicht der richtige Ton, findet sie, zu direkt. Erst einmal solle man den Leuten Honig um den Mund schmieren und informieren, und dann im zweiten Schritt eine Bitte nachschieben – "nicht füttern" lautet die gute Idee einer Teilnehmerin. Zum Einhorn gäbe es auch viel zu erzählen, doch die Zeit einer Führung ist begrenzt. Frau Schwätzle empfiehlt die sehenswerte Ausstellung "The last unicorn" im Prediger.

Für die "Ruhende Löwin" ist noch Zeit. Geschaffen vom Gmünder Bildhauer Eugen Ferdinand Greiner 1928 stand sie bereits im alten Stadtgarten. Das Reiten habe sie darauf gelernt, schwelgt Frau Schwätzle in Kindheitserinnerungen, oft sei er aber besetzt gewesen. Der abwechslungsreiche Stadtrundgang könnte noch ewig weitergehen, doch irgendwann ist die Zeit um, und die Gruppe wird verabschiedet: "Auf gut französisch ade, bleibet schee!" Wem's gefallen hat, für den hat Frau Schwätzle weitere Themenführungen im Angebot, zum Beispiel demnächst eine über die Schulstadt Gmünd.

Einige Themenführungen in Gmünd – eine Auswahl

Turmwächterführung, Samstag, 4. Juli, 21 Uhr, Fünfknopfturmbrücke; Wenn Steine reden könnten, Samstag, 27. Juni, 14 Uhr, i-Punkt; Auf Schwäbisch mit Frau Schwätzle, Samstag, 29. August, 14 Uhr, i-Punkt; Gewässerführung, Sonntag, 12. Juli, 14.30 Uhr, den Treffpunkt erfahren Interessierte im i-Punkt. Jüdisches Viertel, Samstag, 25. Juli, 14 Uhr, i-Punkt. Mehr Infos beim i-Punkt unter Telefon (07171) 6034250.

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