Altersgenossenfeste sind ein Spiegel der Zeit

Was die Gesellschaft zusammenhält

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Altersgenossen Schwäbisch Gmünd 1941
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Altersgenossenfeste in Schwäbisch Gmünd. Im zweiten Coronajahr feiern nur die 80er des Jahrgangs 1941 zum angesagten Termin. Beispiel für eine Tradition.

Schwäbisch Gmünd

Sie tragen den Arm voller Rosen, singen ein feierliches Lied und wiegen sich im Bad der Menge: Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Altersgenossenfestes, wie es nur in Schwäbisch Gmünd gefeiert wird. Seit fast 160 Jahren. Unterbrechungen gab es lediglich in Kriegsjahren – und wegen Corona. 2020 war Verzicht angesagt. Kein 40er-Fest, das – verbunden mit dem Stadtfest –viele tausend Menschen anlockt. Keine weiteren Jahrgangsfeste, die ab dem zweiten Junisamstag im Wochentakt gefeiert werden. Und 2021 (fast) das gleiche Spiel. Mit einer Ausnahme: Die Achtziger des Jahrgangs 1941 können dank des späten Termins am 10. Juli feiern.

Was den Charme eines Altersgenossenvereins ausmacht, das sagen Helga Röllig (Vorsitzende) und Gerfried Witt von den 1941ern. Zunächst entsteht eine neue Stadtgemeinschaft. Die beginnt für die 41er mit einem „Kennenlernabend“ im November 1975. Die Gmünderin Helga Röllig trifft dort nach vielen Jahren wieder Ehemalige aus ihrer Schulklasse. Gottfried Witt, 1946 nach Gmünd gekommen, sieht sich vielen unbekannten Gesichtern gegenüber. Doch das ändert sich rasch.

Der erste Höhepunkt

„Wir waren 74 Gründungsmitglieder“, erinnert er sich. Und bei den folgenden monatlichen Stammtischen im „Walfisch“ werden immer mehr Gemeinsamkeiten entdeckt. Aus unbekannten Gesichtern werden Freunde. Die lassen sich rasch was Neues einfallen. Ein 35er-Fest, eine Art Hauptprobe fürs große 40er-Fest. Im „Sonnenhof“ wurde getanzt, natürlich die Altersgenossen-Hymne „Grüß‘ die Gott, Alois“, gesungen. „Alle erinnern sich noch an die Tombola, als Preis gab es sogar einen lebendigen Hasen.“ Das ist Geschichte, bald sind die Altersgenossen im richtigen Festfieber. Die Vorbereitungen fürs 40er-Fest beginnen. „Wir waren der erste Verein, der auf einige Traditionen verzichten musste“, sagt Helga Röllig. Den üblichen Ort für den Festabend gibt es nicht mehr. Die alte Stadthalle wird gerade abgebrochen, muss dem Neubau weichen. Deshalb kann auch das daneben stehende Rokokoschlösschen nicht als Kulisse fürs Festfoto herhalten. Gefeiert wird in der Stuifenhalle Waldstetten, fotografiert vor dem Hintergrund der Hochschule für Gestaltung. Unvergleichlich ist aber der Höhepunkt, das Bad in der Menge bei den beiden Festzügen durch die Innenstadt. Besonders auf dem Marktplatz und vor der Johanniskirche freuen sich Tausende mit den Altersgenossen. „Wir hatten auch immer mit dem Wetter Glück, nur beim 70er-Fest gab es ein paar Tropfen vom Himmel“, erinnert sich Gerfried Witt. Und wenn die Bläser auf dem Johannisturm zum „Grüß‘ die Gott, Alois“, anstimmen, bleibt kaum ein Auge trocken. „Das ist einmalig“ sagen Gäste immer wieder zu Helga Röllig. Das Fest der Emotionen ist bunt wie nie. Dazu tragen nicht nur tausende Rosen bei, die Besucher (mit einem Küsschen) überreichen. Auch die Garderobe hat sich über die Jahre geändert. Noch in den Nachkriegsjahren waren graue Töne angesagt. „Bei uns war das längst vorbei“, sagt Helga Röllig, „wir waren natürlich bunt gekleidet“. Bunt auch die Luftballons und andere „Festgaben“, die oft mit dem Beruf oder Hobby der Altersgenossen in Verbindung gebracht werden. An solchen Wochenenden geht‘s von Höhepunkt zu Höhepunkt. „Für den Auftritt beim 40er-Festabend haben wird in der Tanzschule Knoll geprobt.“ Ein tolles Ereignis, von dem manche erst in der Morgendämmerung Abschied nehmen wollen.

Vieles geht gemeinsam

Apropos tolle Ereignisse: In der 45-jährigen Vereinsgeschichte „haben wir 82 Ausflüge gemeinsam erlebt“, sagt Gerfried Witt. Oft war man gleich für mehrere Tage unterwegs, erinnert sich gerne an die Ausfahrt zum Chiemsee, die Wien-Reise, „bei der wir vom deutschen Botschafter begrüßt wurden“, so Helga Röllig. Und weil der langjährige Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär Dieter Schulte zum Verein gehört, gab‘s natürlich auch Reisen nach Bonn und Köln. Dazwischen immer wieder Unterhaltung zuhause: Bei Fußballturnieren mit gemischten Mannschaften, Faschingsbällen, Aktivitäten der Kegelgruppe und Wandergruppe des AGV 1941. Immer im Auge: das nächste Jahrgangsfest. Daran hat sich nichts geändert. Die Planungen sind gelaufen, die Vorfreude ist da, „nur die Aufregung ist nicht so groß wie beim 40er-Fest, als man Neuland betreten hat“. In einer Woche geht‘s los

Der Altersgenossenverein 1941 ist der einzige, der in diesem Jahr zum regulären Termin feiert. Höhepunkt ist am Samstag, 10. Juli, gegen 12 Uhr vor der Johanniskirche. Helga Röllig und Gerfried Witt (oben) blättern in Erinnerungen an die früheren Feste und Veranstaltungen. Nicht fehlen darf die Vereinsfahne, die vom Johannisturm weht. Fotos/Collage: kust, privat/ca

„Wir waren natürlich bunt gekleidet.“

Helga Röllig,, AGV-Vorsitzende

Von zurückhaltend nach bunt

Man schreibt das Jahr 1863: Die Erfindung des Rollschuhs beglückt die Menschheit, zur Sicherheit wird in den USA der Feuerlöscher als Patent angemeldet. Und Schwäbisch Gmünd weiß noch nichts vom denkwürdigen Ereignis. Im Gasthaus „Pfauen“ trifft sich der Jahrgang 1813 zum 50er-Fest. Erst viel später wird das Altersgenossenfest zum Symbol für die Stadt. „Die fröhlichste Stimmung durchwehte den ganzen Abend“, war damals zu lesen. Der frühere Gmünder Stadtarchivar Albert Deibele stieß auf dieses Dokument und fand heraus, „dass ab 1883 rasch die anderen Jahrgänge, die 40er, 60er und 70er mit feierten.“ Zu Beginn war das Jahrgangsfest eher eine familiäre Nachmittagsunterhaltung. Das änderte sich im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert. Deibele erinnerte sich noch ans 50er-Fest seines Vaters um diese Zeit. „Damals war mittags um 4 Uhr Kinderbescherung mit Brezeln, Würsten und Papierfähnchen“, schrieb er. Es gab auch eine Abendunterhaltung mit Tanz.
Unterbrochen wurde die Festreihe durch die Weltkriege. Und die Festzüge in der Nachkriegszeit waren nicht gleich so bunte Begegnungen, wie man sie heute kennt. Die Betonung lag auf feierlich und besinnlich. Die Farbtupfer im Umzug beschränkten sich auf die Blumen, die den Teilnehmern – wenn auch noch spärlicher als heute – übergeben wurden. Küsschen waren noch nicht angesagt, man gab sich nur die Hand. Dunkle Anzüge, dunkle Kleider machten den Festzug aus. Selbst die Kinder im Umzug wurden angehalten, nicht auszuscheren.
Zum lockeren Fest mit mehr Unterhaltungscharakter entwickelten sich die Festzüge in den 1960ern. Seither stehen Freunde und Verwandte am Straßenrand, beschränken sich nicht mehr auf Blumen und Küsschen, es gibt Luftballons, Handwägele, Schrifttafel. Die zweimalige Umrundung des Marktplatzes, einmal vor und einmal nach dem Gottesdienst im Münster, ist Höhepunkt für die Altersgenossen. Im Mittelpunkt steht dabei das Altersgenossenlied „Grüß´die Gott, Alois“, das Altersgenossen und Besucher vor der Johanniskirche auf dem Marktplatz gemeinsam singen, begleitet von Bläsern auf dem Johannisturm. Die Stadt ist längst für ihre Altersgenossenfeste bekannt, auch unter Touristen, die an den Samstagen vermehrt kommen. Und das Fest ist längst geadelt: Die Gmünder Altersgenossen-Tradition ist immaterielles Kulturerbe der Unesco. kust

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