Wenn Alltag Potenziale frisst

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Charmant und ganz in der Literatur aufgehend, so präsentierte Larissa Schleher ihre Arbeiten an der Schnittstelle von Literatur und Interview im Gespräch mit Klaus Stemmler.
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Larissa Schleher stellt auf der Remspark-Bühne ihre Arbeiten vor, die sich an der Schnittstelle von Literatur und Interview bewegen.

Schwäbisch Gmünd

Ein Blitzlicht auf das Leben wirft Larissa Schleher, mit der Kamera, aber auch mit ihren Interviews. Am Montagabend stellte die gebürtige Gmünderin ihre Arbeiten auf der Remspark-Bühne vor, eingeladen von der Stadtbibliothek und deren Freundeskreis. Die rund 25 Zuhörer folgten der jungen Literatin und Wissenschaftlerin, die derzeit an ihrer Promotion arbeitet, nach Vechta, wo sie sich als Artist in Residence dem Projekt „100 Europäer“, und nach Düsseldorf, wo sie sich dem Literaturprojekt „Alltag“ widmete. Texte entstanden, die Interviews zu Literatur werden lassen.

Kunst mit der Schreibmaschine

Zum Einsatz kamen weder Stift und Block noch eine App zum Aufzeichnen, sondern eine Olympia. Gefragt von EKM-Intendant Klaus Stemmler, welche Rolle dieses Medium gespielt habe, antwortet sie, die Schreibmaschine sei ein großer Magnet gewesen, habe Erinnerungen wachgerufen und viele Menschen melancholisch gestimmt. Für sie habe dies ein unmittelbares Schreiben bedeutet; das Ergebnis, das direkt produziert wird, bezeichnete sie als authentisch und echt.

Welchen Gesprächsbedarf manche Menschen haben, zeigte sich an der Länge mancher Interviews, die vier bis fünf Stunden dauerten – die Folge: eine Kapselgelenkentzündung.

Dass Lebensgeschichten immer subjektiv sind und der ein oder andere vielleicht auch etwas zusammenfabuliert, lässt die Geschichte eines Mannes vermuten, den Schleher mit Palästinensertuch auf dem Kopf mehr als alternativ beschrieb, und der erzählte, er habe als Senior Consultant „von 89 bis 90 quasi die DDR im Alleingang auseinendergefpückt (sic)“ – er berichtete von angeblich schlimmsten Treuhandmachenschaften, und er selbst mitten drin.

Auf viel Gesprächsbedarf stieß die Literatin bei den Menschen in Vechta und Düsseldorf. Klaus Stemmler fragte, ob da vielleicht ein bisschen die Pfarrerin mit offenem Ohr aufscheine; Schleher hat neben Wirtschaftswissenschaften, Pädagogik und Germanistik auch katholische Theologie studiert. Sie beteuerte, dass es für sie einfach super spannend gewesen sei, den Menschen zuzuhören. Sonst bewege man sich ja eher in der eigenen Blase.

Als ergiebiges Thema erwies sich der Alltag. „Viele sagten, sie hätten lieber einen Teilzeitjob, weil keine Zeit für die eigentlichen Interessen blieben“, berichtete Schleher, deren Arbeit etwas an Feldforschung erinnert. Stemmler, der das Interview versiert und gut vorbereitet führte, steuerte das passende Zitat von Ödön von Horváth bei: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ Der Alltag fresse oft alle Potenziale auf.

Schleher, blieb nicht bei den Interviews stehen, sondern verarbeitete einzelne Sätze zu Fragmentlyrik, bei der sie die getippte Form beibehielt und mit Schere arbeitete. Herauskamen Gedichte, die nichts Zufälliges an sich haben und ihren Texten ähneln. Die hatte Stemmler gleich eingangs charakterisiert: Sie kommen bei allem Ernst mit großer Leichtigkeit daher, doch „darunter liegen gewaltige Probleme, auch gesellschaftliche“. Konsumkritik und Reizüberflutung seien immer wiederkehrende Themen. Er attestierte ihr sprachlichen Drive, Witz, Komik und Tragik.

„Heute bin ich aufgewacht/und dachte so ich stecke fest/ ich habe keinen Alltag/es gibt da jetzt kein Ort/keine Straße/nichts ist sicher/Viele Brüche/Keine Veränderung“ beginnt eines der ungefiltert wirkenden Cut up-Gedichte.

Im Anschluss waren die Besucher aufgefordert, eigene Gedichte aus dem Material zu generieren und fingen an zu schnipseln. Wie schnell man sich in Worten verliert, zeigte das vertiefte Arbeiten an den Tischen.

Es war einfach super spannend, den Menschen zuzuhören.“

Larissa Schleher,, Literatin

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