Wenn das Herz wie weiches Wachs schmilzt

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Beim Joki-Spezial-Abendgottesdienst in der Augustinuskirche gibt's neben jazziger Musik auch viele tiefgründige Gedanken.
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Wie ein jazziger Joki-Spezial-Abendgottesdienst die Seele mit guter Musik und tiefen Gedanken beflügelt.

Schwäbisch Gmünd. „Es war, als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst …“ Mit Joseph von Eichendorffs Gedicht Mondnacht eröffnete Pfarrer Matthias Walch am Sonntagabend den Joki-Spezial-Abendgottesdienst in der Augustinuskirche. Die Verse des Dichters spannten sich wie ein Bogen über die Jazz-Symphonie der Gmünder Groove connection, komponiert und arrangiert von Frank Balint. In fünf Sätzen greift er die wesentlichen Fragen des Lebens auf: Warum sind wir hier, warum leben wir, warum glauben wir?

Auch mit dem Titel „L'âme vole – Seele flieg“ knüpft Bandleader Balint, Trompete, an Eichendorfs Gedicht an, bei dem die Seele am Ende weit ihre Flügel ausspannt und fliegt. „Finde heraus, was dich begeistert, mitreißt und für was du brennst“, fasste Walch den ersten Satz zusammen, den die sechs Musiker mit viel Drive und einigen Soli interpretierten. Wie unterschiedlich Steckenpferde sein können, verdeutlichte der Theologe mit einigen Beispielen, von Pferden über die PS eines Porsche bis hin zur Kultur der alten Ägypter.

Die Groove connection, bislang eher als Quintett bekannt, bekam am Sonntag Zuwachs: Als sechster Musiker gesellte sich Hannes Balint, Gitarre, zu dem Ensemble. Die weiteren Musiker, neben Frank Balint, sind Stefan Fetzer, Saxophon, Jürgen Fälchle, Piano, Christoph Müller Kontrabass, und Hartmut Ott am Schlagzeug. Sie spielen sich die Bälle zu, übernehmen voneinander Melodieverläufe, bis alles in ein Tohuwabohu übergeht. Doch dabei bleiben sie nicht stehen, langsam kristallisiert sich der Choral „Jesu meine Freude“ heraus.

Die Rushhour des Lebens

Lachen und Weinen, alles hat seine Zeit, ist in der Bibel, Prediger 3, zu lesen. Balint stellt den zweiten Satz unter die tiefe biblische Weisheit, dass zum Leben auch die schweren Stunden gehören und Sinn machen. Walch führt den Gedanken weiter: Gerade in Krisen reife der Mensch. Regelrecht spürbar wird das Weinen durch schwermütige musikalische Passagen; wie vom Schmerz verzerrt ist der Sound, dann kommt wieder überbordende Freude auf. Es wird geschäftig, hektisch gar. Die Rushhour des Lebens kommt den Zuhörern in den Sinn. Doch in Balints Jazz-Symphonie ist alles im Fluss, es wird sphärisch und ruhig – die Seele schwebt.

Besonders bewegend und auch persönlich wird es im dritten Satz. Menschen können die schlimmsten Teufel sein, aber auch reine Engel, führt Walch aus. Mit Martin Luther leitet er zum Kind über. Der Reformator sagte einst: „Wer ein Kind sieht, hat Gott auf frischer Tat ertappt“ Für Balint war es der „allerwunderbarste Moment“, seine neugeborenen Kinder in Händen zu halten, „so klein, so vollkommen“. In solchen Momenten schmelze das Herz wie weiches Wachs, ein Verlieben ganz anders als alles andere. „Wir könnten sterben für dieses Kindchen in diesem Augenblick.“

Der nächste Satz erzählt von den guten Mächten und Engeln in unserem Leben. Anklänge an Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ sind zu hören. Auch verzerrte Klänge gehören dazu, eindimensional ist in der Jazz-Symphonie nichts. Die Musik wird lebendiger, als breche sich die Urkraft des Lebens Bahn. Ein quirliges, quicklebendiges Kind erscheint vor dem geistigen Auge. Der Satz klingt erneut mit der Melodie „Jesu meine Freude“ aus.

Für sich selbst sorgen

Was braucht der Mensch, wenn er in der Liebe bleiben will, fragt Walch am Ende des Konzerts. Er nennt zwei Dinge, die sich in einer langen Weisheitstradition herauskristallisiert haben: Der Mensch muss gut für sich selbst sorgen, und er muss mir der Enttäuschung fertig werden, wenn der liebste Engel immer wieder anders ist, als wir ihn uns vorstellen. Beflügelt verließen die rund hundert Zuhörer nach knapp eineinhalb Stunden die Kirche, und Eichendorfs Verse klingen nach: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus ...“ ⋌Birgit Markert

Der Joki-Gottesdienst wurde aufgezeichnet und kann auf der Homepage der Evangelischen Kirche Gmünd angeschaut werden.  

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