Wenn kirchenferne Menschen einen Pfarrer wichtig finden

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Mehr als 700 Verstorbene sind 2020 in Gmünd beerdigt worden - rund 80 Prozent davon in Form einer Urnenbestattung.
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Nicht nur die Friedhöfe wandeln sich: Wie die christlichen Kirchen den gesellschaftlichen Wandel erleben, wenn es ums Thema Tod geht.

Schwäbisch Gmünd

Die tragische Geschichte des jungen Werther lässt Goethe in vollkommener Trostlosigkeit enden: „Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“ Heute, 250 Jahre später, sind fast 40 Prozent der Menschen in Deutschland konfessionslos. Wird das zunehmend Normalität, was 1774, als Goethe seinen Bestseller fertig hatte, noch eine erschütternde Ausnahme war?  

Die Gmünder Pfarrer Robert Kloker und Rainer Kaupp sehen vieles, was sich wandelt in der Begräbniskultur. Nur das nicht: dass bei Beerdigungen zunehmen auf sie verzichtet wird. Die beide großen christlichen Kirchen in Deutschland haben in den letzten zehn Jahren zusammen fast vier Millionen Mitglieder durch Kirchenaustritte verloren. Diese Menschen haben damit keinen Anspruch mehr auf eine kirchliche Beerdigung. „Aber wenn die Angehörigen es wünschen, tun wir es trotzdem“, sagt Robert Kloker, Pfarrer und Dekan der Katholischen Kirche. Der Trotzdem-Fall ist nicht selten. „Sterben und Tod sind existenziell tiefgreifende Situation, in der Menschen Beistand suchen“, sagt Kloker. Und zwar bei den Institutionen, die seit Jahrhunderten damit betraut sind. „Beim Thema Tod sind wir immer noch sehr gefordert“, sagt der evangelische Pfarrer Reiner Kaupp. „Als Seelsorger spüre ich, wie dankbar es angenommen und geschätzt wird.“ Obwohl es teilweise „sehr kirchenferne Leute“ seien, die ihm bei Trauerfeiern begegnen. 

Das Verblassen christlicher Traditionen zeigt sich in Details: Auf Zeitungsseiten mit Traueranzeigen sind meist mehr Anzeigen ohne christliche Symbole zu sehen als mit. Auch die Musikauswahl ändert sich,  Kaupp und Kloker beobachten eine Tendenz zu mehr individueller Musikauswahl, weg „von religiösen Inhalten“, so Robert Kloker. Statt Klassikern wie „Großer Gott, wir loben Dich“ soll mehr und mehr Musik gespielt werden, die dem Verstorbenen am Herzen lag. „Das kann etwa Volksmusik oder Popmusik sein“, erzählt  Kaupp. Für Robert Kloker geht es dann ums Kompromisse finden. Mit „drei Liedern ohne religiösen Charakter“ wolle er keine Trauerfeier begleiten. „Musik hat für uns auch Verkündigungscharakter.“

Auf den Friedhöfe in und um Gmünd zeigt sich der gesellschaftliche Wandel in der Nachfrage nach anderen, neuen Grabformen, die es in wachsender Vielfalt gibt (GT vom 20. Dezember). „Auch wir sehen die gesellschaftliche Entwicklung zu mehr Flexibilität und Diversität. Da sehen wir uns herausgefordert, dieser Vielfalt Rechnung zu tragen“, sagt Dekan Kloker. 

Auch die fast zwei Jahre Pandemie haben Auswirkungen: „Corona war ein deutlicher Einschnitt, es hat sich viel geändert“, sagt Reiner Kaupp. Trauerfeiern mit weniger Menschen als früher waren oft notwendig, aber nicht zwingend bedauerlich: „Ich habe den Eindruck, dass vielen Trauernden die Feiern in kleinem Rahmen entgegenkommen, dass sie es als befreiend empfinden.“ Und er glaube, dass das bleiben werde.

Und wie das für die Pfarrer, wenn sie von vielen Menschen nur als Ein-paarmal-im-Leben-Dienstleister gefragt sind? An Weihnachten, wenn die Kirchen noch voll ist, beim Heiraten, was viele Paare in der Kirche einfach schöner finden - und bei Beerdigungen, wenn sie trösten sollen. Tut einem das nicht weh als Pfarrer? Reiner Kaupp sagt, dass ihn das nur selten enttäuscht macht. Weil er auch viel Positives erlebe: „Wenn man es passend gestaltet für die Familie, dann kann das ein neuer Anknüpfungspunkt sein.“ Und Robert Kloker will nicht nur auf den Mitgliedsstatus schauen: „Nicht jeder, der austritt, glaubt deshalb nicht mehr an Gott. Es gibt auch Leute, die wegen Problemen mit der Institution Kirche ausgetreten sind.“

Beim Thema Tod sind wir immer noch sehr gefordert.“

Reiner Kaupp, , evangelischer Pfarrer
  •  Anonyme Bestattungen: 90 Menschen sind 2020 in Gmünd anonym beigesetzt worden, es werden immer zehn bis zwölf Tote gleichzeitig beerdigt. Diese Form der Bestattung sieht Reiner Kaupp kritisch, "weil dann etwas fehlt, wenn es keinen bezeichneten Ort der Trauer mehr gibt". Eigentlich könnten solche Bestattungen als rein technischer Vorgang vorgenommen werden - ohne dass ein Geistlicher dabei ist. In Gmünd wird das aber nicht so gehandhabt. „Wir beerdigen ja keine Namenlosen, sondern Menschen“, sagt Robert Kloker zur Begründung. Es ist immer ein evangelischer oder katholischer Geistlichen dabei. "Allerdings nicht mit der vollen liturgischen Begleitung wie bei einem christlichen Begräbnis", sagt Kloker. "In christlichem Sinn, aber ich versuche es offen zu machen." 

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