„Wia kinna de Leut a so sei'?“

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Theaterwerkstatt Ludwig Thoma
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Die Heilige Nacht auf Bayerisch zeigt, worauf es ankommt. Rund 40 Zuschauer beerleben alpenländische Stimmung in der Gmünder Theaterwerkstatt.

Schwäbisch Gmünd

Die Heilige Nacht kann überall spielen. Das bewies der bayerische Dichter Ludwig Thoma, als er während des Ersten Weltkriegs das gleichnamige Versepos schrieb und die Geschichte der Herbergssuche in einem oberbayerischen Dorf ansiedelte. In der Theaterwerkstatt rezitierte und sang Franz Josef Strohmeier am Freitagabend den Klassiker, der sprachlich ein Meisterwerk ist, in einem bayerisch, das ihm herrlich natürlich über die Lippen ging, begleitet von dem Musiker Michel Watzinger an der Zither, der vollends für das nötige Lokalkolorit sorgte.

Beim Rentamt soll sich der Zimmermann Joseph mit seiner hochschwangeren Frau einschreiben, was mehrere Stunden Fußmarsch bedeutet. Die Herrschenden brauchen Geld und treiben es bei den kleinen Leuten ein, „däs is amal so auf da Welt“, hebt Thoma gleich von Anfang an den sozialkritischen Aspekt der Weihnachtsgeschichte hervor. Die beiden machen sich also mit dünnem Schuhwerk auf den Weg, und das mitten im Winter. „Im Wald is so staad, alle Weg san vawaht, alle Weg san vaschniebn, is koa Steigl net bliebn“, heißt es im ersten Gesang. Wie Thoma die beiden in den folgenden Versen zeichnet, geht zu Herzen: Joseph zupackend und ein bisschen einfältig, versteht die Welt nicht, die sie so hartherzig abweist; Maria dagegen ist sanft und bleibt hoffnungsvoll. „Sehgt's, Leuteln, so tapfa is s' g'wen, koan Aug'nblick hat sie net greint“ – Gutheit macht eben jede Sache gering.

Als die Nacht anbricht, sucht das bayerische Paar eine Bleibe. Doch der Rößlwirt, der Schimmiwirt und auch der Lamplwirt weisen sie ab. „Wia kinna de Leut a so sei'?“, fragen sie verzweifelt, wo doch das, „wos ös de Arma gebt's, net vaschwend't is.“ Auch der Josias, ein Verwandter, will seine Ruhe haben. Wie in der biblischen Vorlage, dem Lukas-Evangelium, ist auch bei Thoma Rettung in Sicht: In Simmeis Stall kommen sie unter, der das beste Stroh der Welt auffährt. Wenn nur jeder so gut wäre, „na waar's da fei schö auf da Welt“.

Nun kann also die „bsundere Nacht“ anbrechen, die Thoma in mundartlichen Tönen besingt. Im Zentrum das Jesuskind, das all die Hirten nicht „mit Stolz und mit Pracht und Herrlichkeit vaführt“, sondern mit einer seltenen Macht. Am Ende der sechs Hauptstücke fragt Thoma, „ob dös nix bedeut’, daß ‘s Christkind bloß Arme g’sehg’n hamm“.

Für Rezitation und Gesang gab es viel Applaus von den rund 40 Zuschauern, die ein klein wenig in alpenländische Urlaubsstimmung versetzt wurden und eine Weihnachtsgeschichte hörten, die so recht zu Herzen ging. Und ein Genuss ist das Bayerische allemal, das die Dinge so schön drehen und wenden kann: „Hamm sie neamad net gfragt, hot's eahr neamad net gsagt“, spüren sogar Hase, Reh und Hirsch die Mutter Gottes im Wald – welches Bild und welche Worte!

Ob dös nix bedeut’, daß ‘s Christkind bloß Arme g’sehg’n hamm“.

Ludwig Thoma

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