Wie Gmünder zu Nazis gedrillt wurden

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Justin Staffendt bekam bei seiner ausgezeichneten Facharbeit über Sport bei der Hitlerjugend Unterstützung vom Gmünder Stadtarchiv.
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Justin Staffendt erhält für seine Arbeit über Sport bei der HJ einen Förderpreis. Dabei fand er heraus, warum die HJ zu Beginn in Gmünd unbeliebt war.

Schwäbisch Gmünd

Justin Staffendt (18) gewinnt mit seiner Facharbeit zum Thema Sport in der Hitlerjugend (HJ) den Förderpreis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Das Leitthema des Wettbewerbs lautete „Sport macht Gesellschaft.“ Justin Staffendts Recherche, bei der er Unterstützung des ehemaligen Gmünder Stadtarchivars Dr. David Schnur erhielt, führten ihn nach Schwäbisch Gmünd. Dabei fand er heraus, dass viele Gmünderinnen und Gmünder zur Zeit des Nationalsozialismus nicht gerade begeistert von der HJ waren.

Sport war ein großer Bestandteil der nationalsozialistischen Jugendorganisation, wie Justin Staffendt herausfand. „Das Boxen war wichtig. Man wird verroht. Man soll jeden Skrupel ablegen.“ Die Hitlerjugendlichen sollten lernen, sofort zuzuschlagen, kein Mitleid zu empfinden. Teils hätten Aktivitäten einen freizeitlichen oder gemeinschaftlichen Anhauch gehabt. Aber „es ging darum, den den Stempel des Nationalsozialismus aufzudrücken“. Nicht nur durch Disziplinen wie Boxen. Zum Beispiel auch durch Geländespiele wie „Cowboy und Indianer“. „Dann waren es halt Sozialdemokraten oder Juden, die da gejagt wurden“, erklärt Justin Staffendt. Diese Spiele habe es in Gmünd zum Beispiel nahe der Bahngleise gegeben. Inklusive Gräben, die die späteren Schützengräben an der Front darstellen sollten. „Es ging immer darum, den Feind zu vernichten.“

Unruhe in der Bevölkerung

Viele Gmünderinnen und Gmünder hätten die Anfänge der HJ im katholisch geprägten Gmünd kritisch betrachtet. Denn wenn die Jungen nun anstatt in die Kirche zur HJ gingen, „das hat nicht jedem gepasst“. Auch habe die HJ einen rücksichtslosen Eindruck hinterlassen. Etwa bei einem Bootsausflug mit der Marine HJ, die in Gmünd eingeführt werden sollte. Mit dem Boot ging es durch die Rems, bei Lorch kam es zu einem Unfall. Das Boot kenterte. „Es gab dann auch Unruhe in der Bevölkerung.“ Justin Staffendt fand Aufzeichnungen einer Frau Häberle, die das „mangelnde Gefahrenbewusstsein“ der HJ in Gmünd kritisierte.

Entscheidend für seine Recherche waren die zwei Bände der „Chronik der Landsknechte“. Diese stammen von Hannes Grimminger, der auch das Oberhaupt der Gmünder Hitlerjugend mit rund 150 Jungen war. In der Chronik sind mehrere tagebuchähnliche Einträge. Aber auch Fotos und Zeitungsartikel. Material, mit dem Justin Staffendt sich in die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte versetzte. „Es ist so, als würde ich jemanden aufwecken und mit ihm sprechen.“

Der erste Eintrag über die HJ in Gmünd stammt aus dem Mai 1931. „Also vor der Machtergreifung“, merkt der 18-Jährige an. „Die Chroniken gehen aber leider nur bis 1935.“ Denn Grimminger wurde in die Wehrmacht eingezogen. Er starb mit 30 Jahren bei Cottbus.

Berufliche Zukunft im Archiv?

„Ich wusste nicht, was auf mich zukommt“, erinnert der Schüler. Zu Beginn habe er sich mit dem wissenschaftlichen Arbeiten schwergetan. Mit der Zeit sei es leichter gefallen. Vorgabe des Wettbewerbs war, dass das Thema mit der Region zu tun haben müsse. Und vor der Geburt des jeweiligen Teilnehmers passiert ist. „Also bei mir vor 2002“, sagt Justin Staffendt. „Ich bin sowieso interessiert an der Geschichte des Zweiten Weltkriegs.“ Anfänglich wollte er den Schulsport im Nationalsozialismus unter die Lupe nehmen. Doch Quellen und Überlieferungen waren so gut wie unauffindbar. Zeitzeugen befragen? „Utopisch. Vor allem wegen Corona.“ Justin Staffendt wird im kommenden Jahr sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium der Johann-Philipp-Palm-Schule ablegen. Bis zur dritten Klasse besuchte er die Freie Evangelische Schule in Lindach. Wo es nach dem Abschluss hingehen soll? Ein Jurastudium ist das Ziel. „Aber ich könnte mir auch vorstellen, Geschichte zu studieren und in einem Archiv zu arbeiten.“

Es ist so, als würde ich jemanden aufwecken und mit ihm sprechen.

Justin Staffendt, Gewinner beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist der größte Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland, bei dem es um historische Themen geht. Dabei wechselt die vorgegebene Thematik regelmäßig. Das Thema dieser Austragung lautete „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“.

Der Wettbewerb wird seit 1973 durch die Körber-Stiftung geführt. Junge Menschen sollen sich durch ihn mit Geschichte auseinandersetzen. Durch „forschendes Lernen“ sollen Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu ermutigt werden, in Archiven zu recherchieren, Anfragen an Behörden oder Lokalpolitiker zu stellen und sich mit Experten oder Zeitzeugen zu unterhalten.

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