Wie Kunst die Niedertracht des Daseins entfaltet

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Ein Ölgemälde. Weiß. Nur weiß. Ist das Kunst? An dieser Frage entzündete sich ein Streit zwischen Serge und Marc.
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Die Badische Landesbühne Bruchsal zeigt in Gmünd Yasmina Rezas berühmtes Stück „Kunst“.

Schwäbisch Gmünd. In Gmünd war's eine dreifache Premiere: Yasminas Rezas Theaterstück „Kunst“, mit dem die französische Autorin 1994 den Grundstein für ihre Berühmtheit legte, eröffnete in Gmünd die Spielzeit 2021/22. Gleichzeitig war das Stück, wie Kulturbürochef Ralph Häcker erzählte, Auftakt einer neuen Reihe: Theater am Sonntagabend um 18 Uhr im Prediger. Und schließlich, und dies war durchaus etwas Seltenes für Gmünd, hatten die Theatermacher aus Bruchsal die „Kunst“ zwar fertig geprobt, aber in Bruchsal selbst noch nicht aufgeführt. So kamen die Gmünder Zuschauer in den Genuss einer richtigen echten Premiere. Dabei sei so viel vorab gesagt: Ein Genuss war der Abend durchaus.

In „Kunst“ geht es um Kunst. Vordergründig. Serge hat sich ein Bild gekauft. Es ist weiß. Einfach weiß. Ein weißes Ölgemälde, 1,60 Meter auf 1,20 Meter. Serge (Tim Tegtmeier) ist stolz auf sein Bild. Seinem Freund Marc (Thilo Langer) erzählt er von seinem Kauf. Marc versteht dies nicht. Er sagt, frank und frei, das Bild sei „Scheiße“. Und für eine solche Scheiße habe Serge 200 000 Euro ausgegeben. Marc wirft Serge Snobismus vor. Serge findet dies entsetzlich. „Keine Zärtlichkeit“ sieht er in dem, was Marc über sein Bild sagt. Nur Lachen. Marc könne sagen, er verstehe ihn, Serge, nicht. Doch er könne nicht sagen, das Bild sei Scheiße. Serge wirft Marc im immer härter werdenden Streit fehlende Bildung vor. Einen rüden Ton. Rücksichtslosigkeit. Mangelnden Takt. Selbstgefälligkeit. Und eine spürbare Herablassung.

Der dritte der drei Freunde ist Yvan (Fabian Jung). „Wenn's ihm Spaß macht, er verdient ja genug“, sagt dieser über Serges Kauf. Und entdeckt im Weiß des Gemäldes Grautöne. Und, ja, sogar Rot. Was Marc provoziert: Yvan sei tolerant, weil ihm alles wurscht sei. Dabei ist Yvan vielleicht das Bild wurscht. Seine Lebensumstände aber nicht.

Szenenwechsel: Trafen sich die drei Freunde bislang immer zu zweit, so steht nun ein Abend zu dritt an. Yvan kommt zu spät. Serge und Marc streiten wieder über das Bild. Plötzlich kommt Yvan dazu. Und präsentiert in einem – großartigen – Monolog die Geschichte seiner Hochzeitseinladung. Dass seine Braut ihre Stiefmutter auf der Einladungskarte haben will, Yvan seine Stiefmutter aber nicht auf der Einladungskarte haben will. Und dass die eine Stiefmutter nicht auf der Karte stehen kann, wenn die andere Stiefmutter nicht draufsteht. Wobei die andere Stiefmutter nicht auf der Karte stehen will, wenn die eine Stiefmutter auf der Karte steht. Serge reagiert. Beschimpft Yvan seiner „Weibergeschichten“ wegen. Und: Seine Braut sei die Schlimmste. Für Marc ist Yvan ein „Speichellecker“. Weil er nicht sehen will, dass es in Serges weißem Bild keine Farben gibt.

Der Streit eskaliert. Die Spirale der Gewalt dreht sich von der verbalen zur körperlichen. Die Freunde prügeln sich. Die durch das Bild entstehende Diskussion über Kunst ist die Oberfläche. Unter ihr finden sich drei Personen, deren Charaktere, deren Bemühen um Freundschaft, mal ehrlich, häufiger unehrlich, deren Niedertracht sich durch die Diskussion entfalten. Sie beschimpfen sich. Beleidigen sich. Verletzen sich. Schlagen sich. Die Landesbühne Bruchsal hat „Kunst“ mit einem schlichten Bühnenbild und ohne Effekthascherei auf die Bühne gebracht. Damit legt die Inszenierung den Schwerpunkt auf das Stück. Auf den brillanten sich immer mehr steigernden und mit Monologen und Dialogen spielenden Text. Und auf die brüchige Kommunikation. Michael Länge

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