Zu wenig Impfstoff – zu viel Bürokratie

  • Weitere
    schließen
+
Hausarzt Dr. Bertold Schuler hat am Mittwoch die ersten Patienten gegen Corona geimpft. Insgesamt 30 Impfdosen hat er für diese Woche erhalten.
  • schließen

Seit dieser Woche impfen Hausärzte gegen Corona. Gmünder Mediziner erzählen, wie es in den Praxen läuft – und wie es besser laufen könnte.

Schwäbisch Gmünd

Dr. Bertold Schuler hat am Dienstag 30 Dosen Corona-Impfstoff erhalten. Damit hat der Gmünder Internist und Hausarzt noch Glück gehabt. Denn eigentlich ist den Hausärzten angekündigt, dass sie diese Woche maximal 18 Impfdosen von BioNTech erhalten, dasselbe gilt für nächste Woche. "Danach steigen die Mengen und es kommen weitere Impfstoffe wie der von AstraZeneca hinzu", informiert die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg.

Denen die Patienten vertrauen

Das wird auch Zeit, findet Dr. Erhard Bode, Vorsitzender der Gmünder Kreisärzteschaft. Denn die Corona-Impfung sollte seiner Meinung nach Aufgabe der Hausärzte sein. Diese impfen gegen andere Krankheiten sowieso, haben eine überschaubare Zahl an Patienten, kennen deren Vorerkrankungen und genießen deren Vertrauen, argumentiert er. Einige Gmünder Hausärzte haben bei der KV angemeldet, dass sie Corona-Impfungen anbieten wollen. Wie viele genau, wissen weder der Kreisärztevorsitzende noch der Sprecher der KV, Kai Sonntag: "Da die Ärzte sich nicht für die Impfungen registrieren müssen, haben wir keinen Überblick."

Erhard Bode geht jedenfalls davon aus, dass es mehr sein könnten als es bisher sind, wenn die Impfungen mit weniger Verwaltungsaufwand für die Ärzte verbunden wären. Denn "die Bürokratie, die an den Impfungen hängt, ist beängstigend", findet er und nennt als Beispiel die Beschaffung der Aufklärungsbögen.

Doch für mehr Hausärzte, die impfen, bräuchte es auch mehr Impfstoff. Erhard Bode spricht sich dafür aus, die bisher für die zweiten Impfungen vorgehaltenen Reserven für Erstimpfungen zu verwenden, um möglichst viele Menschen so gut wie möglich zu immunisieren. Selbst wenn damit das Risiko bestehe, dass die Patienten die zweite Impfung wegen Lieferengpässen später bekommen. "Das wäre für die Gesellschaft weniger problematisch", meint er und kritisiert: "Vor lauter Perfektionismus sind wir nicht effektiv genug."

So nehmen Hausärzte wie Bertold Schuler, was sie bekommen können an Impfstoff. Sie bestellen die Impfdosen immer am Dienstag bis 12 Uhr für die darauffolgende Woche bei der Apotheke – und zwar ohne Angabe des Herstellers, berichtet der Hausarzt, der auch Pandemiebeauftragter der KV für den Ostalbkreis und Vorstandsmitglied der Kreisärzteschaft ist. Donnerstags erhalten die Ärzte Nachricht, wie viele Impfdosen sie bekommen und können so freitags die Patienten für die folgende Woche zu Terminen bestellen. Die Impfdosen werden montags an die Apotheken geliefert, erklärt Kai Sonntag. Dort werden sie aufgetaut und gehen an die Arztpraxen. Den BioNTech-Impfstoff können die Ärzte fünf Tage im Kühlschrank lagern. Täglich müssen sie der KV melden, wie viele Patienten sie geimpft haben.

Vor lauter Perfektionismus sind wir nicht effektiv genug.

Dr. Erhard Bode, Vorsitzender der Gmünder Kreisärzteschaft

Bertold Schuler hat seine 30 Impfdosen schon innerhalb von zwei Tagen weg. Am Mittwoch haben 18 seiner Patienten eine Spritze bekommen, an diesem Donnerstag sind es zwölf. Sieben der 30 Patienten sind bettlägerig und erhalten die Impfung daher bei einem Hausbesuch.

Für die Auswahl der Impfberechtigten macht die KV den Ärzten klare Vorgaben: Über 80-Jährige sind mit höchster Priorität in Gruppe eins. Doch viele der Patienten über 80 hatten bereits einen Termin in einem der Impfzentren. Daher impft Bertold Schuler auch jene in Gruppe zwei, zu denen über 70-Jährige sowie Menschen mit massivem Übergewicht, einem chronischen Lungenleiden oder einer anderen schweren Erkrankung zählen. Manche haben sich selbst gemeldet, andere wurden vom Praxisteam angerufen. Wer wissen will, ob sein Hausarzt gegen Corona impft und wann er dran ist, sollte sich direkt bei diesem erkundigen, empfiehlt Bertold Schuler.

Impfung im Fünf-Minuten-Takt

Er plant seine Impftermine im Fünf-Minuten-Takt. Die Patienten kommen zum Termin, lesen den Aufklärungsbogen, füllen ihn aus und können mit dem Arzt offene Fragen klären. Doch wer sich für die Impfung entscheide, sei in der Regel vorab schon gut über die Medien informiert – über den Impfstoff von BioNTech wie auch über den von AstraZenca, den die Ständige Impfkommission wegen Thrombosen als möglichen Nebenwirkungen bei Jüngeren nur noch für über 60-Jährige empfiehlt. Doch auch manche ältere Patienten wollten sich nicht damit impfen lassen, weiß Bertold Schuler. Wie die Auswahl der Impfberechtigten ablaufe, sobald AstraZeneca anstelle von BioNTech an die Hausärzte gehe, müsse sich zeigen. Die Ärzte jedenfalls haben keinen Einfluss darauf, welches Covid-19-Vaccine geliefert wird.

Unabhängig vom Impfstoff sind die Patienten angehalten, nach der Impfung 15 bis 30 Minuten in einem extra Wartezimmer zur Beobachtung zu bleiben. Falls sie eine allergische Reaktion zeigen, erklärt Erhard Bode. Bei manchen Arztpraxen scheitere es dabei an Raumkapazitäten. Für diese Fälle bietet Erster Bürgermeister Christian Baron eine Lösung an: Hausärzte dürfen die Infrastruktur des Impfzentrums in der Schwerzerhalle kostenlos mitnutzen. Derzeit seien dort nur zwei der drei Impfstraßen in Betrieb. Ob die Kreisärzteschaft das Angebot annehme, hänge von der Menge des gelieferten Impfstoffs ab, sagt Bertold Schuler: "Wegen 20 Impfdosen würde sich das nicht lohnen ...".

Auf Einladung ins Gmünder Impfzentrum

Im Impfzentrum in der Gmünder Schwerzerhalle impfen derzeit die Impfteams des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses und des Aalener Kreisimpfzentrums Menschen über 80 Jahren. Die 4500 Gmünder über 80, die nicht in einem Pflegeheim leben, habe die Stadtverwaltung in Briefen aufgefordert, sich anzumelden, berichtet Erster Bürgermeister Christian Baron. 1600 Anmeldungen kamen bei der Stadt an, mittlerweile aber auch wieder 170 Absagen, weil die Senioren in einem der anderen Impfzentren einen Termin erhalten hatten.

Die Reihenfolge der Impftermine im Gmünder Impfzentrum richtet sich nach den Geburtsjahrgängen: Die Ältesten kommen zuerst. So wurden in der Woche ab 18. März 528 betagte Menschen mit BioNTech geimpft. Ab 25. März bis 1. April gab es in Gmünd eine Impfpause, weil die Impfteams in Waldstetten und Neresheim waren. Seither werde wieder täglich im Schwerzer geimpft, berichtet Christian Baron: "Bis Anfang nächster Woche sind wir durch mit den über 80-Jährigen." Nach zwei Wochen Pause starten dann die Zweitimpfungen.

Die über 70-Jährigen sind in den Kreisimpfzentren noch nicht an der Reihe, erklärt der Erste Bürgermeister. Da gebe es eine klare Anweisung vom Land. Das müssen er und seine Kollegen auch den vielen Anrufern über 70 antworten, die derzeit bei der Stadt nach einer Impfung in der Schwerzerhalle fragen. Doch sobald die Impfzentren auch jenen zwischen 70 und 80 Termine geben dürfen, werde die Stadt diese anschreiben.

Gmünder über 80, die noch keinen Impftermin haben, können sich unter Telefon (07171) 6035080 melden. jul

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

WEITERE ARTIKEL