„Zündle nie mit Brandstiftern“

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Ein Lehrstück über totalitäre Herrschaft zeigt die WLB Esslingen mit Stefan Heyms „Der große Hanussen“.

Schwäbisch Gmünd. „Eine große Zukunft bedarf radikaler Maßnahmen“, lässt Stefan Heym seinen Protagonisten in dem Bühnenstück „Der große Hanussen“ sagen. Dass die Nationalsozialisten in ihrer Vorgehensweise alles andere als zimperlich waren, ist bekannt. Den Reichstagsbrand 1933 etwa instrumentalisierten sie für sich und setzten nur einen Tag später mit der Reichstagsbrandverordnung die Weimarer Verfassung außer Kraft.

Bis heute ist unaufgeklärt, wer den Brand gelegt hat. Doch auf die Nazis selbst fiel ein Verdacht, weil er ihnen in die Hände spielte. Eine ebenso schillernde wie abgründige Rolle spielt dabei Erik Jan Hanussen, so der Künstlername des jüdischstämmigen Hellsehers, Varietékünstlers und Hypnotiseurs Hermann Chajm Steinschneider. Im Berlin der 1920er-Jahre war er ein Star, engverbandelt mit den Nazis, mit denen er in seinem Palast des Okkultismus wilde Orgien feierte.

Stefan Heym hat die Figur 1941 im amerikanischen Exil in einem Bühnenstück verarbeitet, seinem einzigen. Dann geriet es in Vergessenheit, bis der Germanist Christoph Grube das Manuskript in der Cambridge University Library entdeckte und seinen Bruder Marcus Grube, Co-Intendant der Württembergischen Landesbühne Esslingen, darauf aufmerksam machte. So kam es vor wenigen Tagen im Esslinger Schauspielhaus zu einer Welturaufführung und am Donnerstagabend zu einem Gastspiel im Gmünder Stadtgarten.

Wie in einem Lehrstück führen die zehn Schauspieler unter der Regie von Klaus Hemmerle vor Augen, wie sich totalitäre Macht verfestigt. Die Parallelen zu Putins Aggressionen gehen unter die Haut und beweisen, wie aktuell der Stoff ist. „Man kriegt, was man will, oder zerstört es, wenn man es nicht bekommt“, sagt der SS-Führer von Berlin, Graf Helldorf.

Auf der Bühne spielt sich Babylon Berlin ab, angefeuert von Hanussen, der sich ob seiner Nähe zu einigen Nazi-Größen für unantastbar hält. Doch als er den Reichstagsbrand vorhersagt, wird er für die Nazis zur Gefahr und eliminiert. „Woher, wenn nicht aus höchsten Nazi-Quellen konnten seine Kenntnisse stammen“, deutet Heym eine Mitwisserschaft an. Marcus Grube, der in das rund zweistündige Stück einführte, zog die Lehre daraus: „Zündle nie mit Brandstiftern, denn es könnte dich dein Leben kosten.“ . ⋌Birgit Markert

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