Zwei Jahre ohne Auto: „Lieber Fett als Sprit verbrennen“

+
Das ist Luxus: Parkplätze mitten auf dem Marktplatz. Doch es gibt noch weitere Gründe, die fürs Radfahren sprechen.
  • schließen

Ohne eigenes Auto leben – für Franz Geberth und Birgit Markert haben die Alternativen viele Vorteile. Ein Erfahrungsbericht.

Schwäbisch Gmünd

Das Auto – des deutschen liebstes Kind, für uns war es das nie, aber es hat uns jahrelang, vor allem als Elterntaxi, gute Dienste geleistet. Damals kam es nicht in Frage, das Auto abzustoßen. Doch nun sind die Kinder erwachsen, und wir brauchen es nur nochselten, da mein Mann und ich fast alles mit dem Rad erledigen können und eh lieber auf dem Sattel als hinterm Steuer sitzen. Als die alte Familienkutsche vor gut zwei Jahren den Geist aufgab, sagten wir uns, wir probieren es einfach mal aus. Der Weg zurück ist ja immer offen.

Warum wir überzeugte Radfahrer sind? Die Gründe sind vielfältig: Radfahren ist gesünder und besser für die Umwelt, außerdem singt uns Max Raabe aus der Seele: „Nichts ist so schön, wie Fahrrad fahr'n …“ Und ist es nicht sinnvoller, Fett anstelle Erdöl, in welcher Form auch immer, zu verbrennen? Mit dem Krieg in der Ukraine drängt sich einweiterer Grund mächtig nach vorne, der für alternative Mobilität spricht: Wenn wir weniger Sprit durch den Auspuff bliesen, wären wir unabhängiger von russischem Öl.

Körperlich fit

Ein Verzicht ist es für uns definitiv nicht, kein eigenes Auto zu haben. Wir fahren seit Studentenzeiten das ganze Jahr über Rad. Mittlerweile gibt es gute Funktionskleidung, mit der manlocker Regen und Minusgraden Stand hält. Tough empfinden wir das nicht, beim Skifahren sagt auch niemand „zu kalt“. Wir sind vielmehr körperlich fit, wenigkrank und starten morgens auf Hochtouren im Job – sehr zur Freude des Arbeitgebers. Glatteis und Schnee verhindern im Übrigen nur noch an wenigen Tagen das Radfahren. Den Großeinkauf machen wir gerne mal zu zweit mit vier robusten Radtaschen, vier mal 20 Liter – größer müssen wir in der Regel nichteinkaufen. Und wenn doch, geht das Ganze auch mit Leihwagen.

Kaum war die Kiste abgestoßen, zeigte sich schnell, dass wir die Mobilität mit eigenem PKW kaum vermissen. Der Grund: Wir können uns fast jederzeit ein Auto leihen. Nicht nur die Car-Sharing-Autos, sondern auch das Auto unserer Nachbarin, die selbst aus Überzeugung vor allem Rad fährt und uns gerne ihr Auto leiht. Wir würden gerne öfter auf die Car-Sharing-Angebote vor Ort zurückgreifen, doch die haben für uns einen entscheidenden Nachteil: Sie sind drei und fünf Kilometer von uns entfernt. Wenn es schnell gehen muss, nicht sehr praktikabel. Ansonsten sehen wir die Anfahrt mit dem Rad sportlich – jede Bewegung ist wertvoll und tut gut.

Auf ein passendes Leihautozurückzugreifen, bietet auch Vorteile, weil man sich die passende Größe aussuchen kann: Für den Umzug der Kinder oder den Transport von größeren Dingen zum Beispiel einen Kleintransporter. Wenn unsere Kinder ein Auto brauchen, leihen sie sich gerne ein E-Auto der Stadtwerke aus und gleiten lautlos durch die City.

Nie wieder Reifenwechsel

Das Abstoßen des Autos hatte nochweitere angenehme Begleiteffekte: Das ganze Drumherum mit Reifenwechsel, Werkstattbesuch oder Eiskratzen am frühen Morgen entfiel, und die Garage wurde ohne Winterreifen und weiterem Zubehör lichter, wodurch für meinen Mann so richtig Ballast abfiel. Richtiger Luxus ist der Umstieg aufs Rad durch die zentralen Radstellplätze mitten auf dem Marktplatz oder im Spitalinnenhof.

Im ersten Urlaub ohne Auto 2020 haben wir die Kiste auch nicht vermisst. In Garmisch-Partenkirchen sind sie sogarrichtig froh über jeden, der ohne Auto anreist. An schönen Tagen bricht im Zugspitzdorf Grainau das Chaos aus, weil alles zugeparkt ist. Dabei ist Wandern mit den Öffis mittlerweile wirklich komfortabel und macht sehr viel flexibler, weil man schöne Touren von A nach B wandern kann, ohne wieder zum Auto zurückzumüssen.

Ein Jahr später folgte eine Radtour in Frankreich und das Staunen darüber, wie das Nachbarland beim Radverkehr aufgeholt hat. Sogar in mittelalterlichen Städten wie Mulhouse gibt es ein gutes Radwegenetz und viele Radurlauber. Willkommen fühlten wir uns auch bei den Franzosen – das freundliche und offene Verhältnis unter Radlern haben wir in vollen Zügen genossen. Der Urlaub schreit förmlich nach Wiederholung!

Wenn sich also keine berufliche Veränderung einstellt, die ein Auto nötig macht, werden wir uns kein eigenes mehr zulegen. So wenig, wie wir fahren, lohnt es sich einfach nicht. Wir hoffen, dass irgendwann das Leihauto-Netz noch dichter wird, dann wird’s nocheinfacher, entschleunigt zu leben. Und für die Deutschen und Deutschland hoffen wir, dass wir das schneller hinbekommen mit der klimafreundlichen Mobilität und der Unabhängigkeit von autokratischen und korrupten Systemen.

Lesen Sie auch: 
-Führerschein mit 65 abgeben: „sicherer und gesünder“ unterwegs

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Kommentare