Stiefmutter mit Instagram-Account - Schneewittchen 2.0 als Musical

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Musical
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Modern, frech, musikalisch, witzig: Das „Theater Liberi“ aus Bochum bringt „Schneewittchen“, als Musical in den Peter-Parler-Saal des Congress-Centrums Stadtgarten.

SchwäbischGmünd

„Das hatten wir gar nicht erwartet“, so die Auskunft der Veranstalter des „Theater Liberi“ aus Bochum: dass „Schneewittchen“, das Musical ab vier Jahren,rund 250 Zuschauer in den Peter-Parler-Saal des Congress-Centrums Stadtgarten lockte.

Das Märchen, von den Gebrüdern Grimm Anfang des 19. Jahrhundert aus vielen Quellen zusammengetragen, hat an Attraktivität, Zauber und Faszination bis heute nicht verloren. Wer hier die Grimmsche Fassung erwartete, wurde enttäuscht, denn Regisseurin Carolin Pommerts Ziel ist es, „die vielleicht etwas angestaubten Figuren ins Hier und Jetzt zu holen“. Autor Helge Fedder hat die Charaktere entsprechend modernisiert. Schneewittchen ist kein geplagtes, verschüchtertes Mädchen, das unter der Stiefmutter leidet. Sie teilt selbstbewusst aus und konfrontiert sie mit eigenständigen Entscheidungen. Schneewittchen wird nicht in den Wald geschickt, sie haut aus dem „Gefängnis“-Schloss ab. Die Stiefmutter schickt ihre Schergen hinterher. Letztere düstere Vogelgestalten, die graziös und bedrohlich ihre riesigen Gazeflügel entfalteten.

Phänomene und Probleme der Gegenwart werden geschickt in den Ablauf des Märchens eingebaut. Die Stiefmutter und Königin erscheint in einem heißen weißen Hosendress und deklamiert ihre Schönheit. Posen und Wörter könnten aus dem Instagram-Account stammen. Ihre Schergen umtanzen sie, brauchen aber stets genaue Anweisungen, denn am Verstand mangelt es.  Prinz Fynn, dargestellt von Leonhard Lechner, ist ein Bekannter aus der „Jungen Philharmonie Ostwürttemberg“ und den Jugendclubs des Stadttheaters Aalen, wo seine Schauspielkarriere begann. Der langaufgeschossene Prinz mit beeindruckend langem Pferdeschwanz hilft Schneewittchen kameradschaftlich durch den Wald, in dem die Zwerge wohnen.

Auch die haben in diesem Musical einen überraschenden Charakter. Weit entfernt von den braven, arbeitsamen Zwergen der Grimmschen Fassung, haben diese Spaß an gängigen Floskeln und Sprichwörtern. Denise Berghammer steckt als Zwerg Filo gern den Sand in den Kopf. Oder macht aus dem Flitzebogen einen Blitzefogen. Das kommt an beim Publikum, die Kinder jubeln und klatschen. Die Zwerge leben auch nicht unterirdisch, sondern undercover. Der Königin-Scherge Lobur demonstriert seine offensichtliche Zuneigung zu Prinz Fynn. Damit ist auch Homosexualität alös Thema auf der Bühne untergebracht.

Die Darstellerinnen und Darsteller spielen fantastisch. Die selbstbewussten Dialoge von Schneewittchen können Mädchen ermuntern, ihre Rolle neu zu definieren. Die Jungs können von den Zwergen lernen, dass Humor und körperliche Fitness gut ankommen. Alle können sehen, dass Eitelkeit sehr vergänglich ist, wie die Stiefmutter-Königin von ihrem Spiegel erfahren muss. Wenn das von den Zwergen gestohlene Fläschchen mit Jugendelixier leer ist, dann wird gealtert im Turbotempo. Die Musik eigens komponiert für dieses Stück von den Musikern Christoph Kloppenburg und Hans Christian Becker. Kloppenburg: „Musikalisch bekommt das Publikum einiges geboten: opulente Big Band-Arrangements, rockige und soulige Popsongs, ergreifende Balladen und genreübergreifende Ohrwürmer.“

Kinder und Erwachsene waren begeistert. Eine Zehnjährige fand es spitze, dass Schneewittchen der Königin „Saures“ bot und nicht gehorchte. Die Zwerge waren toll, weil sie witzig und schrecklich gelenkig waren. Aber das Größte war der Spiegel. In einer Videoanimation erschien ein großes Gesicht, dessen Mund die Wahrheiten aussprach. Auch wenn die Geschichte manchen Großeltern fremd vorkam, das, was die Schauspielerinnen und Schauspieler auf die Bühne brachten, war großartig. Vor einem schlichten Bühnenbild mit wechselnden Farben entfaltete sich ein Feuerwerk an Sanges-, darstellender und tänzerischer Kunst, das die Werte eines Märchens wie Mut, Hilfsbereitschaft und Entschlossenheit ins Heute transferierte. Der tosende Applaus wurde mit tänzerischen Einlagen belohnt, die das Publikum jubeln ließen.

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Ein selbstbewusstes, modernes Schneewittchen - mit ihren grünen Zwergen.

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