Wie aus Wochen 60 Jahre wurden

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Hildegard und Heinz Berger sind seit 60 Jahren verheiratet. Rücksichtnahme und „auch einmal zurückstecken“ sei ihr Erfolgsrezept, sagen sie.
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Der gemeinsame Beruf brachte Hildegard und Heinz Berger zusammen, heute feiert das Straßdorfer Paar die diamantene Hochzeit.

Schwäbisch Gmünd-Straßdorf

Ohne ihre gemeinsame Leidenschaft zu gepflegter Herrenoberbekleidung hätten sich Hildegard und Heinz Berger nie kennengelernt. Hildegard wurde kurz nach Kriegsende mit ihrer Mutter von Mähren in Tschechien in ein kleines Dorf in Unterfranken ausgesiedelt. „Nicht einmal einen Laib Brot konnte man dort kaufen“, erklärt Hildegard die Abgeschiedenheit des Ortes. Immerhin konnte sie mit 15 Jahren eine Ausbildung zur Herrenschneiderin in Unterfranken beginnen. Der Lehrherr gab ihr aber zu verstehen, dass eine Schneidergesellin für ihn finanziell nicht tragbar war. Eine Tante mütterlicherseits lebte in Gmünd und sprach die Empfehlung aus, hier nach einer Anstellung zu schauen.

Handwerk für Claus Kleber

Eigentlich hatte Hildegard vor, „nicht länger als fünf Wochen in der Stadt zu bleiben“. Zu dieser Zeit wurde von der 1930 gegründeten Schneiderei Berger ein Schneidergeselle gesucht. In dem Familienbetrieb arbeitete auch Heinz Berger. „Er gefiel mir gut“, lächelt Hildegard „die Stelle wollte ich unbedingt haben“. Auch Heinz war von der schlanken, hochgewachsenen Hildegard angetan, aber die Weiterbildung zum Schneidermeister in München brachte die erste viermonatige Trennung mit sich.

Die Erkrankung von Heinz' Vater rief Heinz zurück nach Gmünd, „ich musste die Schneiderei übernehmen“. Mit 23 Jahren wurde Heinz zum Firmeninhaber. Er und Hildegard arbeiteten seitdem täglich zusammen in der Werkstatt. Mit der Zeit entwickelte sich ein „zartes Pflänzchen“, „die Liebe hat sich eingeschlichen“, meint Hildegard schmunzelnd.

Nach einem Jahr der Verlobung gab sich das junge Paar am 23. Juni 1961 das Ja-Wort vor dem Standesbeamten, am Tag darauf fand die kirchliche Trauung im Gmünder Münster statt, „als wir uns nach der Zeremonie umdrehten war das Münster bis auf den letzten Platz mit Besuchern und Zuschauern gefüllt“, erinnert sich Heinz, der elegant im selbstgenähten Cut erschien, Hildegard bezauberte mit einem Traum in Weiß aus der eigenen Nadel. Die Trauung wurde damals vom Münsterpfarrer Alfons Wenger zelebriert, er war es auch, der vor zehn Jahren das Ehegelübde des Ehepaars nach 50 Ehejahren erneuerte.

Nach der Hochzeit zog das Paar in die Königsturmstraße, im selben Gebäude war die Werkstatt untergebracht. Hier war Platz genug für Hildegards Mutter. 1963 kaufte das Paar das Haus in der Straßdorfer Einhornstraße das sich bald mit dem Lachen der Töchter Sabine und Christine füllte. Die Auftragsbücher waren gut gefüllt, es gab genug zu tun „Freizeit hatten wir wenig“ erzählt Hildegard. Die meisterliche Handwerkskunst der Bergers sprach sich herum. Zu den prominentesten „und besten“ Kunden gehörte Claus Kleber vom „Heute Journal“. Aus der Bergerschen Nadel stammt das Kostüm des Gmünder Faschingswahrzeichens, dem Silbermännle, Kostüme und Jacken der Faschingsprinzen wurden von den Bergers „auf den Mann geschneidert“. Gemeinsam traten die Bergers demselben AGV bei. Nur wenn Heinz im Gmünder Männergesangsverein sang, war das Paar getrennt.

Vor zehn Jahren wurden bei den Bergers „die Riemen runter gemacht“ und der Ruhestand eingeläutet. Ganz das Schneidern können die Bergers aber nicht lassen. Immer wieder gibt es Anfragen von Freunden und Bekannten. Ein großes Fest zur diamantenen Hochzeit wird es nicht geben. Rücksichtnahme und „auch einmal zurückstecken“, nennen die Bergers das Erfolgsrezept für 60 gemeinsame Jahre.

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