Warum das Urteil heimtückischer Mord lautet

Schwurgerichtskammer in Ellwangen verurteilte Hüseyin Y. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Schwäbisch Gmünd/Ellwangen. Die Spannung im voll besetzten Gerichtssaal war geradezu greifbar, als die drei Berufsrichter und zwei Schöffen der Schwurgerichtskammer des Ellwanger Landgerichtes zur Urteilsverkündung an ihren Plätzen Aufstellung nahmen. Im Gerichtssaal präsent sechs Justizwachtmeister und drei uniformierte Beamte des Polizeireviers Ellwangen, während draußen vor dem Gebäude Zivilstreifen der Polizei in Bereitschaft lagen. Drinnen verkündete der Vorsitzende Richter am Landgericht, Gerhard Ilg, den Urteilsspruch der Kammer: "Der Angeklagte wird wegen Mordes und Bedrohung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt."

Mit dem Urteil setzte die Kammer einen dicken Schlusspunkt unter eine Familientragödie, die sich am 10. September 2018 im Gmünder Wohnquartier Kiesäcker zugetragen hatte. Dort hatte, nach einem über zwei Jahre schwelenden Familienstreit, ein 49-jähriger Deutschtürke seinen Bruder mit einer Pistole, die sich illegal in seinem Besitz befand, erschossen. Die Tatausführung kam, so das Gericht, einer Hinrichtung gleich. Begangen nach Überzeugung der Kammer als "Bilanzstraftat" durch ein Familienoberhaupt des in sich heillos zerstrittenen, deutschtürkischen Familienclans.

Ähnliche Tat in der Türkei

Der 49-Jährige hatte 2013 in der Türkei eine ähnliche Tat begangen. Damals hatte er auf einen mutmaßlichen Mörder seines Vaters geschossen und diesen schwer verletzt. Ein türkisches Gericht verurteilte ihn zu einer lebenslangen Haftstrafe, milderte das Urteil in mehreren Schritten, aufgrund einer vorangegangenen "Provokation" schließlich auf sechs Monate ab. Gerhard Ilg ließ anklingen, dass das vergleichsweise milde Urteil die Gmünder Tat indirekt gefördert habe.

In der Urteilsbegründung ging Ilg nicht nur mit dem Angeklagten hart ins Gericht, er nannte auch, was den Familienstreit anbelangt, sehr deutlich Ross und Reiter. Ausdrücklich lobte der Vorsitzende die für die Kammer überaus wertvolle Arbeit der Polizei. Am Morgen, zu Sitzungsbeginn, verteilte Gerhard Ilg seine Stellungnahme zu dem durch die Verteidigung ergangenen Befangenheitsantrag. Ein Kriminalhauptkommissar berichtete, wie über die Auswertung diverser Telekommunikationsdaten wichtige Erkenntnisse zum Tatablauf gewonnen wurden. Ferner visualisierte er anhand einer Video-Tatortrekonstruktion das Geschehen vor Ort. Einem Gutachten des Landeskriminalamts zufolge, konnten an relevanten Stellen der Tatwaffe DNA-Spuren sowohl des Angeklagten als auch des Opfers festgestellt werden.

Noch vor Beendigung der Beweisaufnahme erklärte der Vorsitzende der Ablehnungskammer, Richter im Landgericht Martin Honold, dass keine Gründe vorliegen, die gegen die Unparteilichkeit des Vorsitzenden Richters Gerhard Ilg sprechen. Dessen Nachfragen einschließlich seiner geäußerten Bedenken in Bezug auf einen Zeugen hätten ausschließlich der Aufklärung gedient.

Erster Staatsanwalt Carsten Horn legte knapp aber dezidiert die Gründe dar, weshalb die Tat des Angeklagten die Tatbestandsmerkmale eines heimtückisch begangenen Mordes beziehungsweise eines Mordversuches erfüllen und daher nur die Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe in Betracht komme. Der Täter habe bei seinem Tun, so Horn, bewusst und gezielt die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer ausgenutzt. Zweifel an der Schuldfähigkeit des Angeklagten gebe es nicht. Dieser habe keineswegs im Affekt gehandelt.

Die Vertreter der Nebenklage, Rechtsanwältin Elisa Treuter, sowie die Rechtsanwälte Robin Schmid und Erwin Bräutigam (alle Schwäbisch Gmünd), schlossen sich im Wesentlichen den Ausführungen des Staatsanwaltes an.

Tat im Affekt?

Die Verteidiger des Angeklagten, Pflichtverteidiger Reiner Kitzenmaier (Gmünd) und Wahlverteidiger Jörg-Matthias Wolff (Stuttgart), setzten sich in ihren Plädoyers sehr ausführlich mit den Ursachen und der Entstehung des Familienstreits sowie der daraus resultierenden schwierigen Lebenssituation für den Angeklagten und dessen Familie auseinander. Sie machten deutlich, dass es eine Verurteilung geben muss, allerdings nicht wegen Mordes, sondern allenfalls wegen Totschlags. Ihr Mandant habe die Tat im Affekt begangen. Beide sahen eine Freiheitsstrafe von acht Jahren als tat- und schuldangemessen an. Eine Auffassung, die die Kammer so nicht teilte.

Dem Vernehmen nach will die Verteidigung gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen.

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