Wenn Liebe staatenlos macht

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Eva Feuerle-Damstra zeigt sich „unglaublich berührt“, die Geschichte ihres Vaters zusammen mit Dokumenten aus dieser Zeit in einem Buch über Fremdarbeiter wiederzufinden, das der Gmünder Historiker Professor Dr. Ulrich Müller (Mitte) verfasst h
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Wie es kommt, dass eine Wißgoldingerin, die ihr Dorf nie verlassen hatte, nach dem Zweiten Weltkrieg zuerst staatenlos und dann Ausländerin wurde.

Waldstetten-Wißgoldingen

Es war die Liebe, die Fausers Martl, jüngste Tochter des Maurermeisters Georg Fauser, zur Staatenlose machte; die Geschichte beginnt in einer Zeit, in der das Deutschtum über alles erhöht und viele andere Nationen erniedrigt wurden. Als die Nazis an immer mehr Fronten Krieg führten, fehlten im Land die Arbeitskräfte. Das totalitäre NS-Regime beutete die unterworfenen und besetzten Länder auch dadurch aus, dass sie die Bewohner der Zwangs- und Fremdarbeit unterwarfen. Schätzungen gehen von bis zu 20 Millionen Betroffenen aus.

Einer der Millionen Fremdarbeiter ist der Holländer Johan Damstra, 1908 in Amsterdam geboren. Während des Zweiten Weltkrieges musste der älteste Sohn jeder holländischen Familie zum Arbeitsdienst. Weil der ältere Bruder schon verheiratet war und Familie hatte, traf es bei den Damstras den Zweitältesten. 1942 landete Johan in Berlin, kurze Zeit später kam er nach Stuttgart. Dort wurde eines Tages in die Runde gefragt, wer Auto fahren könne, es gebe eine Anfrage aus Schwäbisch Gmünd. Johan meldete sich; in Amsterdam hatte er bereits als Taxifahrer gearbeitet und im elterlichen Transportunternehmen mitgeholfen. So verschlug es den Fremdarbeiter zu der „Omnibusgesellschaft Schwäbisch Gmünd“, die ihn auf der Strecke Gmünd – Wißgoldingen einsetzte. Und in Wißgoldingen kam er auch unter, bei der Adlerwirtsfamilie Straubmüller.

Eine gute Unterkunft

Eva Feuerle-Damstra, die zweitälteste Tochter, berichtet, dass er es mit dieser Unterkunft richtig gut getroffen habe: Der sangesfreudige Holländer, der viele Opern und Operetten kannte, hat zusammen mit den Töchtern Hanna und Lore musiziert und sich mit den Eltern angefreundet. „Mein Vater empfand es als Privileg, so gut aufgenommen zu werden.“ Vermutlich war auch die Versorgung auf dem Land sehr viel besser als in der Heimatstadt Amsterdam oder in Stuttgart.

Unser Vater brachte einen Hauch von weiter Welt nach Wißgoldingen.“

Eva Feuerle-Damstra

Beim Adlerwirt war es auch, wo er das erste Mal auf das hübsche Mädchen aufmerksam wurde, denn Marta musste im Adler zusammen mit anderen jungen Frauen kriegswichtige Kleidung nähen; Eine Zeit lang besuchte sie die Nähschule am „Töchterinstitut St. Loreto“ und fuhr mit dem freundlichen holländischen Omnibusfahrer nach Gmünd und wieder zurück. Anderen Fahrgästen fiel damals schon auf, dass Jo, so wurde er schnell in Wißgoldingen genannt, den Spiegel verstellte, wenn sie mitfuhr, um sie besser im Blick zu haben. Die beiden lernten sich näher kennen und verliebten sich ineinander.

Ihr Vater habe es seinen Schwiegereltern hoch angerechnet, dass sie ihnen keine Steine in den Weg legten. Immerhin war Johan 16 Jahre älter und evangelisch. Im April 1946 heiratete das Paar. Doch da tauchte ein Problem auf, mit dem niemand gerechnet hatte: Der Standesbeamte warnte, dass Johan ausgewiesen werden könnte und Marta womöglich nicht mitgehen dürfe. Ein Jahr nach Kriegsende lag in Deutschland vieles noch brach und war noch nicht klar geregelt.

Ein Hauch von weiter Welt

Marta wollte auf keinen Fall von ihrem innig geliebten Jo getrennt werden und gab die deutsche Staatsbürgerschaft auf. So wurde sie staatenlos. Zum Glück nur für kurze Zeit: Als 1947 die älteste Tochter Elisabeth auf die Welt kam, bekamen Mutter und Tochter die niederländische Staatsbürgerschaft. Da hatte der offene Niederländer in Wißgoldingen längst eine neue Heimat gefunden. Marta und Johan bekamen drei weitere Kinder, die allesamt die niederländische Staatsbürgerschaft erhielten.

Für Eva Feuerle-Damstra und ihre Geschwister brachte die niederländische Herkunft ihres Vaters einen Hauch von weiter Welt nach Wißgoldingen und später nach Salach, wo die Familie berufsbedingt hinzog, denn der Kontakt zu den väterlichen Verwandten wurde gepflegt. Doch die andere Staatsbürgerschaft brachte auch Nachteile mit sich: Sie brauchten eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis, als die Jahre der Berufstätigkeit begannen. Deutsch zu werden, kam erstmal aus finanziellen Gründen nicht in Frage, weil dies mehrere Monatsverdienste gekostet hätte. Auch galt z.B. für Eva nicht die Lehrmittelfreiheit, sie musste ihre Schulbücher selber kaufen, weshalb die gute Schülerin das Gymnasium in der 10. Klasse verließ. Mittlerweile haben alle vier Kinder die deutsche Staatsbürgerschaft. Zum Teil aufgrund der Vereinfachung des EU-Rechts oder durch Heirat. Was geblieben ist: Die Tochter eines Fremdarbeiters ist hochsensibel für Anderssein und Minderheiten, die es heute auf andere Weise immer noch gibt.

Johan Damstra war nicht nur mit dem Omnisbus gerne unterwegsist, sondern mit allem was Räder hatte. Bei Umzügen auch mal mit einem Traktor, dessen Nummernschild verrät, dass er in der amerikanischen Zobe Württemberg zugelassen war. (Foto: privat)
Das Foto oben links wäre besonders interessant, dann gibt es noch eins von Tom von dem Treffen Feuerle-Damstra + U. Müller bei Müllers zuhause
Johan Damstra war nicht nur mit dem Omnisbus gerne unterwegsist, sondern mit allem was Räder hatte. Bei Umzügen auch mal mit einem Traktor, dessen Nummernschild verrät, dass er in der amerikanischen Zobe Württemberg zugelassen war. (Foto: privat)
Familienbild
Traktor

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