Wie Wasserstoff die Wirtschaft verändern soll

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Im Gmünder CCS drehte sich am Dienstag alles um das Thema Wasserstoff. Hier ein Lkw mit Wasserstofftanks hinter dem Führerhaus.
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Wer eine emissionsfreie Welt will, kommt an Wasserstoff als Energieträger kaum vorbei. Das verdeutlicht ein Informationstag zum Thema in Schwäbisch Gmünd.

Schwäbisch Gmünd. Wasserstoff ist ein entscheidender Faktor für eine emissionsfreie Wirtschaft. Förderprogramme und Ideen gibt es viele, deshalb sagt Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold: „Wir dürfen nicht in der Anspruchswelt hängenbleiben, sondern müssen jetzt realisieren und materialisieren.“ Deshalb hat die Stadt zu einem Informationstag Wasserstoff eingeladen. Experten erklärten im Congress Centrum, wie das leichteste Element im Periodensystem nicht nur die Mobilität der Zukunft, sondern die gesamte Wirtschaft transformieren kann.

Die französische Firma Lhyfe wird für die Stadt den Elektrolyseur im geplanten Technologiepark H2Aspen bauen. Die Anlage soll grünen Wasserstoff produzieren, davon soll die Wirtschaft nicht nur in der Stadt profitieren, sie ist zentrales Element der Wasserstoffstrategie der Region. Für die Franzosen ist es das erste Großprojekt in Deutschland, seit 2021 haben sie eine Produktionsanlage in Frankreich in Betrieb, weitere sollen folgen. Bis zu 4000 Kilogramm Wasserstoff könnte der Gmünder Elektrolyseur, der bei Inbetriebnahme der bislang größte in Baden-Württemberg wäre, pro Tag produzieren – wäre da nicht das Erneuerbare-Energien-Gesetz, das die Menge auf 2500 Kilogramm beschränkt. OB Arnold sind solche bürokratischen Hindernisse ein Dorn im Auge. Laufen die Verfahren wie geplant, soll der Elektrolyseur 2024 realisiert werden.

Mit dem Wasserstoff können dann entsprechend ausgestattete Nutzfahrzeuge betankt werden. Die Infrastruktur wird die Firma Jet H2 Energy, ein Gemeinschaftsunternehmen des Tankstellenkonzerns Phillips 66 und einer Schweizer Firma, bauen. Das Joint Venture plant, bis 2026 rund 250 Wasserstoff-Tankstellen in Deutschland, Österreich und Dänemark zu realisieren, eine im Gmünder Westen, die mit dem Elektrolyseur per Pipeline verbunden werden soll.

Als Pionier im Wasserstoff-Ökosystem sieht sich der US-Konzern Plug, der über Kooperationen in Europa expandieren will. Weltweit hat das Unternehmen mehr als 60 000 Brennstoffzellen in Betrieb, etwa in Flurförderfahrzeugen für die Logistik, und entwickelt laut Robert Zalinksi stationäre Brennstoffzellensysteme und Infrastrukturlösungen. Ebenfalls offensiv geht der Autokonzern Stellantis das Thema an. „Wir sind schon längt über den Prototypenstatus hinaus“, erklärt Dr. Lars Peter Thiesen. Die Stellantis-Marke Opel hat das erste Wasserstoff-Fahrzeug auf den Markt gebracht. Deutschland und Frankreich nennt Thiesen als Pilotmärkte, weil dort das Tankstellennetz am besten ausgebaut sei und der Staat Fördermöglichkeiten geschaffen habe.

Daimler Truck fokussiert sich laut Volker Hasenberg auf batterie-elektrische und Wasserstoff-Antriebe bei der Entwicklung von Lkw, um emissionsfrei zu werden. „Die Hersteller planen einen schnellen Hochlauf“, so Hasenberg. Die Vorteile von Wasserstoff gegenüber Strom: Der Import von grünem Flüssigwasserstoff ist leichter realisierbar. „Man kann ihn theoretisch dort produzieren, wo er am günstigsten ist.“ Auch die Betankung ist schneller erledigt als das Laden einer Lkw-Batterie. 2027 will Daimler Truck seine ersten Modelle mit Brennstoffzelle auf den Markt bringen.

Auch Spezialfahrzeuge sind ein Markt für Wasserstoff, wie Christian Huber von der Paul-Gruppe und Lutz Tesmer von Faun betonen. Faun stellt Abfallfahrzeuge oder Kehrmaschinen her. Bereits seit mehr als zehn Jahren forscht die Firma an dem Thema. Der koreanische Fahrzeugbauer Hyundai forscht seit 1998 an der Brennstoffzelle. Derzeit hat das Unternehmen 47 Fahrzeuge mit dieser Technologie in der Schweiz in Betrieb, so Beat Hirschi. Pro Jahr könnten die Koreaner rund 2000 Lkw für den europäischen Markt herstellen, die Reichweite der Lkw betrage rund 400 Kilometer.

Pierre Steffen von Keyou lenkt den Blick auf eine andere Technologie: „Der Wasserstoff-Verbrennungsmotor ist eine echte Alternative“, erklärt er. Das Aggregat verbrennt das Gas direkt als Treibstoff. Die Münchner Firma hat eine Wasserstoff-Umrüstmöglichkeit für Lkw-Diesel entwickelt, die für Standard-Motoren passen soll. Als Abgas gibt es nur noch Wasserdampf. 2024 will Keyou den ersten 40-Tonner auf den Markt bringen. Woran die Technologie noch hakt? „Wir brauchen eine funktionierende Förderung.“  

Forschungspartner des Projekts H2Aspen ist das Gmünder Forschungsinstitut FEM. Dr. Seniz Sörgel sorgt mit ihrem Team dafür, dass die bestehenden Technologien rund um Wasserstoff weiterentwickelt werden. „Daran arbeiten wir mit Hochdruck“, so Sörgel, die die diversen Forschungsschwerpunkte am FEM vorstellt.

Dass Wasserstoff nicht nur im Mobilitätssektor ein Gamechanger sein kann, betont Dr. Felix Friederich von der Gmünder Firma Unicorn, die in der ehemaligen Pumpenfabrik Ritz eine Brennstoffzellenfertigung aufbauen will. Mit der Technologie will Unicorn eine emissionsfreie, nachhaltige und dezentrale Stromerzeugung ermöglichen. Auch bei der Wärmeerzeugung oder als Speicher von (etwa per Photovoltaik erzeugten) Strom eigne sich das System.  

Im Gmünder CCS drehte sich am Dienstag alles um das Thema Wasserstoff.
Im Gmünder CCS drehte sich am Dienstag alles um das Thema Wasserstoff.
Im Gmünder CCS drehte sich am Dienstag alles um das Thema Wasserstoff.
Im Gmünder CCS drehte sich am Dienstag alles um das Thema Wasserstoff.

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