Wo sich Corona-Todesfälle häuften

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Spannungsfeld Pflegeheim: Vereinsamung der Senioren verhindern und dennoch vor Corona schützen.

Schorndorf, Welzheim und Alfdorf waren im Rems-Murr-Kreis am stärksten betroffen - warum? Ein Erklärungsversuch.

Rems-Murr-Kreis. 97 Corona-Todesfälle gab es bislang im Rems-Murr-Kreis – wenn man ihre Verteilung nach Wohnorten der Verstorbenen aufschlüsselt, ergibt sich ein verstörender Befund: Allein 39 Fälle (also 40 Prozent) sind Schorndorf, Welzheim und Alfdorf zuzuordnen, wo nur rund 58 000 der 426 000 Rems-Murr-Bürger leben, also weniger als 14 Prozent. Wie lässt sich das erklären? Eine Antwort hilft, die Hochphase der Corona-Krise von März bis Mai besser zu verstehen, und die Herausforderungen für den Fall einer zweiten Welle zu beleuchten.

Brennpunkte

Wenn wir Gemeinden nach Einwohnerzahl, Gesamtinfektionen (Zahl der seit Anfang März diagnostizierten Corona-Fälle), Infektionsquote (Gesamtinfektionen im Verhältnis zur Einwohnerzahl), Todesfällen und Mortalitätsquote (Todesfälle im Verhältnis zu den Gesamtinfektionen) vergleichen, ergibt sich Folgendes – Schorndorf: etwa 39 600 Einwohner, Gesamtinfektionen: 242, Infektionsquote: 0,6 Prozent, Todesfälle: 20, Mortalitätsquote: 8,3 Prozent. Welzheim: etwa 11 200 Einwohner, Gesamtinfektionen: 72, Infektionsquote: 0,64 Prozent, Todesfälle: 10, Mortalitätsquote: 13,9 Prozent. Alfdorf: etwa 7100 Einwohner, Gesamtinfektionen: 28, Infektionsquote: 0,39 Prozent, Todesfälle: 9, Mortalitätsquote: 32,1 Prozent.

Wie ungewöhnlich diese Zahlen sind, offenbaren drei weitere Vergleiche – Waiblingen: etwa 55 400 Einwohner, Gesamtinfektionen: 269, Infektionsquote: 0,49 Prozent, Todesfälle: 6, Mortalitätsquote: 2,2 Prozent. Backnang: etwa 37 300 Einwohner, Gesamtinfektionen: 172, Infektionsquote: 0,46 Prozent, Todesfälle: 5, Mortalitätsquote: 2,9 Prozent. Rems-Murr-Kreis: 426 000 Einwohner, Gesamtinfektionen: 2031, Infektionsquote: 0,48 Prozent, Todesfälle: 97, Mortalitätsquote: 4,8 Prozent. Die Mortalitätsquote ist in Schorndorf fast doppelt so hoch wie im Landkreis-Schnitt, in Welzheim fast dreimal so hoch wie im Kreis-Schnitt und in Alfdorf fast siebenmal so hoch wie im Kreis-Schnitt (und mehr als vierzehnmal so hoch wie in Waiblingen).

Die Erklärung

Während der ersten Corona-Welle waren Altenheime im Rems-Murr-Kreis die gefährdetsten Orte. 42 der 97 Verstorbenen lebten dort. Der Kreis hatte im März/April 61 Senioren-Einrichtungen mit gut 3800 Bewohnern. 42 von 3800 also starben; während es unter den weiteren etwa 422 000 Einwohnern des Rems-Murr-Kreises nur 55 Todesfälle gab. Martina Keck, Pressesprecherin im Landratsamt, ordnet ein: "Nachweislich waren nicht nur im Rems-Murr-Kreis, sondern weltweit besonders viele Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen zu beklagen. "Dabei kam es mitnichten in jedem der seinerzeit 61 Heime überhaupt zu einem Corona-Ausbruch – wo es aber geschah, waren die Folgen oft tief bedrückend." Im Pflegeheim Stiftungshof Haubenwasen Pfahlbronn etwa waren es acht Todesfälle von insgesamt neun in Alfdorf.

September ist nicht März

Kann sich derlei im Herbst wiederholen? "Seit der ersten Welle hat sich die Gesamtsituation verändert", antwortet Keck, – "und auch das Wissen über das Virus". Stichwort Masken: Dass sie wichtig sind, darüber besteht kein ernsthafter Zweifel mehr. Im März und April "war Mund-Nasen-Schutz auf dem freien Markt kaum zu bekommen", erinnert Keck. Die Mitarbeiter vieler Einrichtungen hatten teils "größte Probleme, sich im Umgang mit Heimbewohnerinnen und -bewohnern ausreichend zu schützen". Das ist behoben.

Stichwort Corona-Tests: In der Anfangsphase der Krise mussten Testkapazitäten erst aufgebaut werden, sagt Keck. "Ausbrüche in Heimen können heute in der Regel schneller erkannt und unter Kontrolle gebracht werden."

Stichwort Verbreitungswege: "Auch über die Ausbreitung des Virus wissen wir heute deutlich mehr." So wurde lange die Ansteckungsgefahr von Infizierten ohne oder mit nur geringen Symptomen unterschätzt. "Auch das Phänomen der ,Superspreader' war noch nicht bekannt." Mittlerweile haben Heime ausgeklügelte Aufnahmekonzepte. "Auch ein der Lage angemessenes Besuchermanagement erweist sich als unterstützend."

Die Aufgabe

Altenheime stecken in einem Spannungsfeld: Es gilt, drohende Vereinsamung zu verhindern, anstatt sie durch coronabedingte Isolation zu vertiefen - andererseits ist dringend für gesundheitlichen Schutz zu sorgen. Ein Spagat – und Gegenstand leidenschaftlicher Debatten. Nicht wenige Leute fanden, es sei entwürdigend, die Alten wegzusperren. Kann man im Fall einer zweiten Welle manches anders machen? "Ja", sagt Keck, "in bedingtem Maße. Das Selbstbestimmungsrecht der und des Einzelnen ist dabei stärker im Auge zu behalten" als in den Corona-Anfangstagen - aber weiterhin "in dem Bewusstsein, dass das Verhalten Einzelner immer zu einer Infektionsgefahr für alle führen kann". Keck sieht gute Perspektiven: "Viele Einrichtungen haben mittlerweile sehr individuelle Betreuungs- und Besucherkonzepte entwickelt." Und das Landratsamt hat alle Heime sensibilisiert, besonders auf "Reiserückkehrer in der Mitarbeiterschaft" zu achten. Eine gute Nachricht zum Schluss: "Derzeit ist uns kein infizierter Heimbewohner im Kreis bekannt", berichtet Martina Keck.

Peter Schwarz

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