Zu wenig Nägel, zu viele Tote

  • Weitere
    schließen
+
Die Kunst-Installation im Münster ist abgebaut, die Botschaft bleibt aktuell: Marios Pergialis und Anthony di Paola wollten an die Toten der Corona-Pandemie erinnern.
  • schließen

Tausende von Nägeln, die an die Corona-Opfer erinnern sollten: Nach einen Monat bauen die Künstler Marios Pergialis und Anthony di Paola ihr Objekt im Gmünder Münster ab.

Dieses Kunstwerk hat mit der Realität nicht Schritt halten können.

12 500 Nägel haben Marios Pergialis und Anthony di Paola in Holzblöcke geschlagen, das ist gut einen Monat her. Damals war Volkstrauertag, und jeder Nagel stand für einen Menschen, der in Deutschland an oder mit Corona gestorben war. An diesem Montag haben die beiden Künstler ihre Installation abgebaut – die Zahl der Covid 19-Toten hat sich in der Zwischenzeit mehr als verdoppelt.

Es sollte eigentlich eine Kunst-Installation werden, die stetig aktualisiert wird. "Wir hatten es vor, aber was dann passiert ist, hatten wir nicht erwartet, das hat uns betroffen und ratlos gemacht", sagt Anthony di Paola – und meint die Tausenden von Menschen, die seitdem gestorben sind.

Andererseits war ständige Zahlengenauigkeit nicht der einzige, zentrale Sinn der Installation. Sondern das Sichtbarmachen einer in den Nachrichten auf Papier oder Bildschirm abstrakten Zahl – und die Grundidee von Kunst, die Menschen bewegen und zum Denken anzuregen soll. Das, finden die beiden ausgebildeten Kunsttherapeuten, ist gelungen, den vielen Reaktionen nach zu urteilen, die bei ihnen angekommen sind. "Wir haben Mails bekommen, Kommentare über die sozialen Medien, sind persönlich angesprochen worden", erzählt di Paolo.

"Mehrzahl war positiv"

Gelegentlich waren die beiden auch im Münster, und einmal hat Marios Pergialis dort Großeltern mit ihren beiden Enkeln angetroffen. "Zu sehen, wie Kinder und Großeltern über das Thema Tod ins Gespräch kommen, das war sehr bewegend", erinnert sich der Künstler. "Das ist genau, was wir wollten."

Die überwiegende Mehrzahl der Reaktionen sei positiv gewesen, berichten die beiden, aber es hat auch Kritik gegeben. Das Wort "Panikmache" ist ihnen entgegengehalten worden, "und dass Corona ja nur wie eine Grippe ist".

Enkel und Großeltern im Gespräch über den Tod – das war sehr bewegend.

Marios Pergialis, Künstler

Zwei grundlegende Arten der Kritik am Umgang mit Corona gibt es in Deutschland: von Menschen, die die Corona-Pandemie für eine unwahre, warum auch immer konstruierte Spukgeschichte halten. Und Leute, mit denen man durchaus über Einordnung und Bewertungen streiten kann, weil die gemeinsame Faktenbasis noch trägt. Ist es richtig, in so besonderer Form an Zehn- oder Zwanzigtausend Corona-Tote zu erinnern, wo beispielsweise jährlich eine viertel Million Deutsche an Krebs sterben? Ja, findet Anthony di Paola. "Für Krebspatienten tun Ärzte, was notwendig und möglich ist. Gegen Corona können wir als Gesellschaft etwas tun. Das ist der große Unterschied: Jeder kann etwas machen." Außerdem gehe es nicht nur um Tote, "sondern auch um Pfleger und Ärzte, die leiden".

Die Botschaft bleibt aktuell, das Kunstwerk, über das auch überregionale Medien wie das Heute-Journal oder die FAZ berichtet haben, ist nun trotzdem abgebaut worden. "Wir haben den November als Trauermonat bewusst gewählt. Jetzt, an Weihnachten, geht es um andere Botschaften", sagt Marios Pergialis, der auch Jugendreferent des Dekanats Ostalb ist.

"Erstarrt nicht in Furcht"

Die Botschaft "Fürchtet Euch nicht", die neben der Installation zu lesen war, hat manche Besucher irritiert, angesichts eines Werks, das ein Denkmal der Trauer ist. Marios Pergialis erklärt die Intention: "Es gibt drei klassische Arten mit Angst umzugehen: Flucht, Angriff oder Erstarren. Wir wollten sagen: Erstarrt nicht in Eurer Furcht, sondern handelt verantwortlich."

Die rund 250 Kilogramm Nägel und die tragenden Holzwürfel werden nun erst einmal eingelagert, in Paolas Kunstraum "Art factory 27" in Esslingen. Was wieder eine andere Geschichte ist: Dort wollte der junge Künstler keinen Lagerplatz, sondern einen Veranstaltungsort für Kunst schaffen – der wegen der Corona-Krise leer steht. "Ich bin selbstständig – es ist eine schwierige Situation."

Zurück zur Übersicht: Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL