Fühlen und Beraten geht nicht online

  • Weitere
    schließen
+
Ursula und Berthold Gutheil in ihrem Ladengeschäft in Durlangen.
  • schließen

Handel und Gewerbe in diesen Zeiten - mit welchen Problemen die Marktkaufleute und der Fachhandel zu kämpfen haben und wie die Zukunft der Händler aussehen kann.

Durlangen.

Seit 65 Jahren betreibt die Familie Gutheil einen Textilhandel in Durlangen. Mit der Geschäftsübernahme 1989 durch Ursula und Berthold Gutheil hielten permanente neue Ideen ihren Einzug in den Traditionsbetrieb. Neben dem Ladengeschäft in der Schulstraße sind die Gutheils zum Beispiel auf Märkten im Großraum Stuttgart zu finden. Als eine der wenigen Gmünder Marktkaufleute besitzen sie zudem die Lizenz, mit ihrem Verkaufsmobil auf privaten Flächen ihre Waren anzubieten. Die „vierte Säule“ des Betriebs sei die Textilveredelung - und zudem das Bedrucken, erklärt das Ehepaar. Zum Glück. Denn die Sparte Textilveredelung und -bedruckung sorgte gemeinsam mit dem eigenen Onlineshop dafür, dass der Familienbetrieb nicht vor der Corona kapitulieren musst.

Die erste Welle im vergangenen Frühjahr traf die Gutheils mit voller Wucht: keinerlei Verkaufsmöglichkeiten auf Märkten; der begrenzte Zutritt für Kunden in den Laden war mit hohem finanziellen Aufwand für ein Hygienekonzept verbunden. Dann kam der Lockdown für den Einzelhandel als ein weiterer Schlag für die innovativen Gewerbetreibenden.

Doch der steckte seine Erfahrung in ein ausgeklügeltes Click & Collect System und konnte Privat- und Firmenkunden dann „völlig kontaktfrei“ bedienen. Dies und die Textilbestickerei habe sie „über Wasser gehalten“, analysiert Berthold Gutheil, der sich immer noch fragt, warum im Handel während der Krise solche Unterschiede gemacht wurden. „Lebensmittelmärkte und Discounter hatten immer geöffnet, der kleine Einzelhändler hatte das Nachsehen“, sagt er und findet: „Die Regeln sollten für alle gleich sein“. Gutheil beschreibt die Verordnungen mit dem Begriff „völlig realitätsfern“ und sieht sich und seine gewerbetreibenden Kollegen als „Bauernopfer“.

Dabei hätten die Einzelhändler in der Vergangenheit ohnehin immer mehr zu kämpfen, das Kaufverhalten der Kunden habe sich vor Corona schon verändert und mit der Krise noch einmal deutlich zum Nachteil des örtlichen Handels gewendet, stellt er fest. Der Onlinehandel habe bereits vor der Pandemie einen hohen Stellenwert gehabt. Auch auf den Märkten habe die Besucherfrequenz nachgelassen. Für die älteren Stammkunden sei der Weg oft zu beschwerlich, jüngere Kundschaft besuche die Märkte meist nur zum schauen und flanieren. Dies sei mit ein Grund warum sich auch das Marktangebot in der Vergangenheit geändert und reduziert hat, „es gibt kaum noch Marktstände mit Kurzwaren oder hochwertigen Haushaltsartikeln“.

Einen Trost haben die Gutheils, die Stammkundschaft besucht nach wie vor das Ladengeschäft und das Verkaufsmobil, „fühlen, anschauen und beraten lässt sich online nicht ersetzen“, hören die Fachhändler dann.

Die zu allem Übel noch erleben, dass die „Global Player“ die Direktvermarktung für sich entdecken. Die Folge: begehrte Produkte seien über den Hersteller für kleinere Betriebe kaum oder gar nicht mehr zu kriegen, durch die unvollständige oder ganz ausbleibende Warenlieferungen verliere der Fachhandel zusätzlich Kundschaft. „Wir werden an die Wand gedrückt“, beschreibt Berthold Gutheil.

Auch clevere Ideen mussten in den vergangenen Monaten „zu Grabe getragen werden“, ein angedachter kleiner Weihnachtsmarkt vor dem Ladengeschäft in Durlangen sollte kleineren örtlichen Selbstvermarktern und den Vereinen die Möglichkeit geben, die Kassen mit dem Verkauf ihrer Produkte etwas aufzufüllen. Verordnungen machten diese Idee zunichte. Die beliebten Straßenverkaufsaktionen dürfen nicht abgehalten werden, weil „der Gesetzgeber Menschenansammlungen befürchtet“.

Trotzdem wollen die Gutheils nicht klagen. Die Mitarbeiter, die Stammkunden und die Vereine haben den kleinen Betrieb mit ihrer Unterstützung „durch die Krise getragen“. Geholfen habe auch das gute Sortiment und moderne Software für Maschinen und Computer, was aufwendige Investitionen in der Krise erspart hat.

Zurück zur Übersicht: Durlangen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL