Vom Findelkind zum stolzen Flieger

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Am Schluss ist Thyson schon richtig groß, aber immer noch hungrig. Tagelang haben die tapferen Eltern den aus dem Nest gefallenen Piepmatz im Speiskübel auf dem Balkon fleißig weiter gefüttert.

Die ungewöhnliche Geschichte des scheinbar hilflosen Amselkindes "Thyson" – oder warum einer, der zu früh aus dem Nest fällt, es trotzdem noch zu etwas bringen kann.

Durlangen-Zimmerbach

Da sitzt er und bietet einen Anblick, den eigentlich nur Eltern lieben können. Nicht größer als ein Entenei, aber genauso geformt, kaum befiedert und ohne Schwanzfedern dafür mit einem großen Schnabel steht das Amselkind auf viel zu großen und dünnen Vogelbeinen in der Hofeinfahrt und jammert herzerweichend. Aus dem Nest gefallen. Sein Wehklagen lockt die Nachbarskatzen an, die sich schon begehrlich die Pfoten lecken.

Wochen vorher hatte es ständig in der dichten grünen Krone des Ahornbaums geraschelt, seit kurzem ist von dort auch ein kräftiges Vogelzwitschern zu hören, sobald die Amseleltern mit Futter im Anflug sind. Schnell ist es passiert, ein kleines Amselkind ist vermutlich aufgrund der drangvollen Enge im Vogelnest aus dem sicheren Hort gefallen. Der Versuch, wie vom NABU empfohlen, den gefiederten Knilch wieder ins Nest zu setzen, scheitern, zu dicht und zu hoch ist die Baumkrone.

Der Kleine muss gerettet werden und findet Asyl in einem großen Speiskübel, gut ausgepolstert mit Einstreu und Heu. Er wird auf den Balkon im ersten Stock verfrachtet und erhält spontan den Namen Thyson. Das scheinbar hilflose Jammern des Findelkindes zeigt in wenigen Minuten Wirkung, der Amselvater taucht auf, lauscht und ortet den verloren gegangenen Nachwuchs.

Vorsichtig sondiert der im lackschwarzen Federkleid und mit leuchtendem orangefarbenem Schnabel elegant wirkende Vogel die Gegend. Thyson oder Thyra, das Geschlecht ist nicht erkennbar, verlang vehement nach Nahrung. Seinen ganzen Mut zusammennehmend, kommt Vater Amsel, taucht blitzschnell in den Speiskübel, füttert den jammernden Nachwuchs und dreht wieder ab.

Von diesem Spektakel wird jetzt auch die Vogelmutter angezogen, im Viertelstunden-Rhythmus fliegen die Eltern an, bringen Eiweiß und Proteine in Form von Würmern und Insekten und Kirschen, um den Zwerg satt zu bekommen. Eine wahre Herkulesaufgabe, denn mit jeder Futtergabe scheint der kleine Knilch kräftiger zu werden und krakeelt aus seinem Eimer.

Der Abend geht zur Neige, kurz bevor die Nacht hereinbricht gibt es noch ein letztes Leckerli, dann bleibt die fliegende Versorgung aus. Thyson scheint gesättigt und müde, legt sein kleines Köpfchen unter die Flügel und schläft ein. Zum Schutz gegen die Kälte und um dem Zwerg etwas heimatliche Gefühle zu geben wird der neue "Wohnsitz" mit einem Tuch abgedunkelt.

Schau, wir haben ihn durchgebracht.

Papa Amsel

Ein neuer Tag bricht an, die Eltern warten bereits mit frischem Futter auf dem Balkongeländer, bis "Mensch" endlich das Tuch entfernt. Drei Tage lang stets dasselbe Spiel, Thyson jammert und krakeelt sein "Hier, Hier". Die Vogeleltern karren Futter an und mit jedem Tag kann man dem kleinen Knirps beim Wachsen zuschauen. Der vierte Tag bringt die glückliche Wende, Thyson wird in seinem Kübel aufsässig und renitent und versucht über den Rand zu flattern. Beim aktuellen Standort im ersten Stock keine gute Idee. Also wird Zwerg Thyson in den Garten gebracht, wo er seine ersten Flugversuche starten soll.

Keinen Augenblick zu früh. Der Kübel steht knapp auf dem Tisch, da startet der Zwerg durch und landet vor dem Kaninchenfreilaufgehege, durch dessen Gitter er sich zügig durchquetscht. Da steht er jetzt und wird von den Familienkaninchen ziemlich verdattert betrachtet, Drohgebärden mit weit aufgerissenem Schnabel kann der Vogel instinktiv.

Die Kaninchen trollen sich und der gefiederte junge Mann sucht Schutz unterm Vordach des Kaninchenhauses. Wieder wagen sich die Eltern mit Futter im Schnabel immer näher an den beinahe verloren gegangen Nachwuchs heran, es scheint, als wollten sie ihm die Richtung zeigen, in der die schützende Hecke liegt. Endlich hat es auch Thyson kapiert, er quetscht sich nochmal durch die Gehegestäbe und sucht jetzt Schutz in der dichten Hecke. Sein "Hier, Hier" ist noch den ganzen Tag zu hören.

Der nächste Tag bringt eine schöne Überraschung, im Gänsemarsch kreuzen Vater Amsel und der immer noch schwanzlose Nachwuchs den Garten. Fast wie eine Parade, als wollte Papa Amsel sagen: "Schau, wir haben ihn durchgebracht."

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